Wissenschaftsjournalisten: Magnetnadeln im Heuhaufen

Die Redaktionsbudgets sinken, im Wissenschaftsbetrieb rüstet man die PR-Abteilungen auf. Die Materie ist gewohnt kompliziert, während rauer Wind von Fake News säuselt und die Erklärung neben populistischer Verkürzung oft den Kürzeren zieht. Der heimische Wissenschaftsjournalismus ist in Gefahr, während das Publikum ihn mehr als zuvor schätzt. Ein Rückblick und eine Ausschau, eine Befragung und Vermessung.

2002 markiert eine große Wende: Die Regierungsparteien beschließen ein neues Universitätsgesetz, das Österreichs Bildungslandschaft nachhaltig verändert. Heimische Hochschulen erreichen eine völlig neue Unabhängigkeit. Die Zeiten, in denen sie von einem Ministerium oder zumindest staatlichen Stellen permanent, im Detail und direkt gesteuert werden, sind vorbei. Seither stehen die Forschungseinrichtungen vermehrt im Wettbewerb: einerseits um öffentliche Gelder und Kooperationen mit Unternehmen, andererseits um die besten Studierenden und Mitarbeiter. Wie wirkte das auf den Wissenschaftsjournalismus, der ohnehin zusätzlich in der allgemeinen Medienkrise leidet?

Alice Senarclens de Grancy arbeitete zwölf Jahre in der Wissenschaftskommunikation, seit mehr als drei Jahren leitet sie das Wissenschaftsressort in der Tageszeitung „Die Presse“. Sie nennt diese gesetzliche Änderung als markanten Punkt in der jüngsten Entwicklung von Wissenschaftskommunikation und damit auch von Wissenschaftsjournalismus, denn: „Wer hier herausleuchten will, muss sich ins Gespräch bringen“, sagt sie über den „Wettbewerb um Wahrnehmung“. Die universitäre Kommunikationsarbeit hat stark an Bedeutung gewonnen. Die personelle Ausstattung in den PR-Stellen wissenschaftlicher Einrichtungen ist gewachsen und professioneller geworden. Einzelne Wissenschaftler beschäftigen sogar Agenturen. Wissenschaftskommunikation hilft den Einsatz von Steuergeldern zu legitimieren. Und so stellen sich die Fragen: Wird die Wissenschaft selbst immer kompetitiver? Welchen Stellenwert hat die Kommunikation ihrer Resultate? Und wie wirkt sie auf die Wissenschaft zurück? „Bei aller Notwendigkeit, sich zu erklären, dürfen wir nicht übersehen, dass die Innovationen ,immer von der Seite‘ kommen“, meint Cornelia Blum, Sprecherin der Uni Wien. „Wer aktuell stark medial präsent ist, war vor 40 Jahren vielleicht ein Quantenphysiker am Rand der Wahrnehmung.“ Insofern sei spannend für übermorgen, wer jetzt darum kämpft, Sichtbarkeit zu erringen, nicht nur medial, sondern auch in der Wissenschaft selbst. Michael Hlava, Pressesprecher des Austrian Institute of Technology (AIT) fordert „Mut zur Sachlichkeit”: „Wer Qualitätsmaßstäbe vernachlässigt, gerät all zu leicht ins Fahrwasser von Superlativen, Rekorden, Durchbrüchen, neuen (Eco)systemen. Diese kompetitiven Stellhebel erweisen der Wissenschaftskommunikation keinen Gefallen.” Nicht Medienlogik dürfe entscheiden, was in der Forschung relevant ist, findet Blum. „Es braucht die Wissenschaftslogik, die Einschätzung der Scientific Community genauso“, meint sie, „Wissenschaftsjournalisten sind so wichtig, weil sie beide Logiken kennen”.

Grancy ist sich bewusst: „Je besser die PR-Arbeit ist, umso geschärfter muss der journalistische Blick sein“. Es gelte immer zu hinterfragen: Steckt hinter einer gut verpackten Geschichte tatsächlich wissenschaftliche Qualität? Außerdem gibt es ein weit größeres Themenangebot als noch vor wenigen Jahren.

Alles nicht so einfach, denn gleichzeitig erfolgt eine andere Entwicklung: Die Redaktionsbudgets sinken. Wissenschaftsjournalisten wünschen sich mehr Raum für Recherche, mehr Zeit für persönliche Gespräche oder Institutsbesuche, um den Dingen genauer auf den Grund zu gehen. Eine Studie im Auftrag der Klub- und Bildungsjournalisten zeigt: Zwar ist der Akademikeranteil mit 65 Prozent unter den WissenschaftsjournalistInnen doppelt so hoch wie bei KollegInnen aus anderen Ressorts, doch auch der Anteil an freien Journalisten ist mit 41 Prozent deutlich höher als im Branchen-Durchschnitt. Ihre Arbeitsverhältnisse sind oft prekär. Neuanstellungen sind rar gesät, eher gar nicht mehr verfügbar. Der ökonomische Druck steigt. Schaden kann das nicht nur der Berichterstattung, sondern auch der Wissenschaft selbst. Um sich den Journalismus ,leisten‘ zu können, üben viele zusätzlich PR-Tätigkeiten aus.

In den USA hat die Medienkrise einen Kahlschlag im Wissenschaftsjournalismus hinterlassen. Die Malais wird durch ein österreichisches Spezifikum etwas gemildert: Die sogenannte scientific community sponsert Wissenschaftsseiten in Qualitätsmedien. Klaus Taschwer, Wissenschaftsredakteur bei der Tageszeitung „Der Standard“, widmete sich in seiner Dankesrede für den Staatspreis für Wissenschaftspublizistik 2016 diesem Widerspruch: „Wenn ich Kollegen im Ausland von unseren mehr oder weniger indirekten öffentlichen Unterstützungen des Ministeriums und anderer Forschungseinrichtungen erzähle, sind sie meistens irritiert bis entsetzt: Wie kann man sich bei solchen Subventionen journalistische Unabhängigkeit bewahren?” – Ein berechtigter Einwand, andererseits spiele dieser Medienbereich laut Taschwer eine Sonderrolle. Er nennt es die „Paradoxa der Wissenschaftskommunikation”: Wissenschaft sei ein weitgehend selbstbezügliches System. Im Normalfall schreiben Forscher in Fachjournalen. Das ist letztlich entscheidender für ihre wissenschaftlichen Karrieren als populärwissenschaftliche Beiträge. Die wenigen Verlage, die diese Journale herausgeben, verdienen sich eine goldene Nase. Uni- und Institutsbibliotheken müssen die überteuerten Fachmagazine ankaufen. „Ich schätze, dass allein in Österreich von der öffentlichen Hand ein nicht ganz niedriger zweistelliger Millionenbetrag aufgewendet wird, um auf diese Weise die Kommunikation allein innerhalb der Wissenschaft zu gewährleisten“, sagt Taschwer.

Wissenschaftsjournalismus hingegen kommuniziert an die Steuerzahler, die diese Forschungen zum großen Teil finanzieren. Er muss trotz möglicher öffentlicher und privater Subventionen seine Unabhängigkeit verteidigen. Marc Seumenicht, Kommunikator des Wissenschaftsfonds (FWF) warnt: „,Copy&Paste‘-Wissenschaftsjournalismus, wo PR-Meldungen unreflektiert übernommen werden, darf nicht zum Standard werden. Er findet: „Jeder Ansatz, den – ohnehin schon ausgedünnten – Wissenschaftsjournalismus in Österreich zu stärken, ist zu unterstützen”, zum Beispiel die Forderung des Klubs für Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen. Dessen Vorsitzender Oliver Lehmann empfiehlt der inzwischen dritten Bundesregierung den Wissenschaftsjournalismus als Qualitätskriterium für den Bezug von Medienförderung zu etablieren. Er ist es auch, der die Profession mit einer griffigen Metapher beschreibt: „Gute WissenschaftsjournalistInnen sind so etwas wie die Magnetnadeln im Heuhaufen: Es gibt nicht viele, aber sie leisten unverzichtbare Orientierungshilfen.“ Eine solche Magnetnadel ist auch Alwin Schönberger, Leiter des Wissenschaftsressorts des Wochenmagazins „profil“. Er sieht die Sache positiv und keine Gefahr für den Wissenschaftsjournalismus, eher im Gegenteil. „Ich achte nicht so sehr auf die Rahmenbedingungen, sehe mich nicht in Konkurrenz zu anderen Ressorts und lasse mich kaum von allgemeinen Medientrends beirren. Ich fühle mich somit wenig angekränkelt von unerfreulichen Branchenprognosen und bin unverschämt genug, mich mit naiver Freude auf meine kleine Spielwiese zu konzentrieren.“ Heute gebe es eher mehr als weniger Menschen, die darauf reflektieren. Da sind sich übrigens alle einig: Das Publikum schätzt Science News mehr als zuvor – wenngleich „nicht überall wo ,science news‘ draufsteht, Wissenschaftsjournalismus drinnen sei, wie Hlava betont. „Denken Sie nur an die Phrase ,wissenschaftlich geprüft‘ in den TV-Werbespots”. „Berichte über Wissenschaft und Forschung – von der Arbeit im Labor oder im Gräberfeld über Studienergebnisse und ersten Anwendungsideen bis hin zu den Fragen, die an all das anschließend erst entstehen“ – all das seien Hingucker, in ihrem Fall Hinhörer, meint Barbara Riedl-Daser, Redakteurin bei Ö1: „Sie faszinieren oder machen stutzig.“

Ob das postfaktische Zeitalter und das Gerede von Fake-News da mit hineinspielen? „Die Wissenschaft als ,Honest Broker‘ und der Qualitätsjournalismus als Multiplikator sollen Fake News aufgreifen und kritisch hinterfragen“, sagt Seumenicht. Bettina Kunnert, Pressesprecherin der TU Wien, sieht die Wissenschaft mit ihren Methoden, Werten und Qualitätsansprüchen als eine Art Gralshüter: „Nicht im überheblichen Sinn, sondern als Garant für Fakten und Glaubwürdigkeit.“ Fake News seien insofern auch eine „Chance, um den Wert professionell gesammelter, geprüfter und aufbereiteter Information zu unterstreichen“, sagt Grancy. „Wissen kann immunisieren. Gegen Fake News, Scharlatanerie, Aberglauben und Pseudowissenschaft aller Art”, pflichtet ihr Kollege Schönberger bei. „Mit Witz, Pepp und Anschaulichkeit vorgetragen, ist Wissen ein Werkzeug, das durch den Alltag navigiert, ohne dass man sich von falschen Propheten blenden lässt. Wissenschaft stärkt die Beurteilungsfähigkeit. Sie hilft, Hintergründe, Zusammenhänge und die Gesetze zu verstehen.“

Natürlich erreiche man nie alle. „Wer energetisiertes Wasser aus tiefer Überzeugung für eine Errungenschaft der Physik hält, Lichtnahrung für eine sinnvolle Diät und Kugeln aus Milchzucker für eine plausible Therapie, ist ohnehin in einem geschlossenen System gefangen“, sagt Schönberger, aber „viele andere werden die Ohren spitzen.”

Nicht nur die Situation der Journalisten hat sich verändert. Auch die Welt der Wissenschaftler ist eine andere geworden. Der Generationenwechsel hat weniger mit dem Universitätengesetz als mit dem Neuland namens Internet zu tun. „Tendenziell ist aus einem vormaligen Geheimbund von Bewahrern exklusiven Wissens eine Szene vorwiegend jüngerer Menschen geworden, die Freude daran haben, bildlich gesprochen, an die Bühnenkante zu treten, um die Menschen für ihre Fachgebiete zu interessieren und zu begeistern”, sagt Schönberger. „Dass die neue Generation aufgrund ihrer Sozialisation deutlich medienaffiner sei, berge natürlich „langfristig ein wenig die Gefahr, dass Projekte eher entlang sogenannter ,sexy‘ Themen entwickelt werden, aber derzeit ist das nicht der Fall“, meint Uwe Steger, der die Kommunikationsabteilung der Uni Innsbruck leitet. Die digitalen Möglichkeiten machen es für Forscher einfacher, ihre Arbeit direkt und ohne Vermittler einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Viele sehen als Bringschuld, ihre Tätigkeit allgemein verständlich zu erklären. Die Szene begabter Wissenschaftsvermittler wächst. Sie haben verstanden, dass klare Sprache, ein wenig Aktionismus und Humor nicht schaden. Das zeigen Formate wie die Science Busters, Podcasts und Science Slams.

„Als ich 2000 in die ORF Radio Wissenschaftsabteilung gewechselt bin, musste man Wissenschaftler und vor allem Wissenschaftlerinnen im Regelfall lange (und mitunter erfolglos) zum Interview überreden“, erzählt Riedl-Daser. „Mittlerweile lehnt niemand ab – auch kurzfristig sind Interviews möglich.“ Sie unterstreicht positive Veränderungen auf der Journalistenseite: „Wir können nun dank Digitalisierung leichter mit großen Datenmengen umgehen, wie z.B. eine Gemeinschaftsrecherche zu Pharma-Zahlungen gezeigt hat”. Für sie ist „Wissenschaftsjournalismus wichtig, weil er hinter die Fassade blickt, weil er neue Welten öffnet, weil er Geldflüsse hinterfragt, weil er wunde Punkte offenlegt, weil er Graustufen zwischen Schwarz und Weiß sichtbar macht, weil Staatsgrenzen keine Rolle spielen, weil er keine Orchideenfächer kennt, weil er aus Antworten neue Fragen aufwirft“. Schönberger pflichtet bei: „Wenn Wissenschaftler (und Wissensvermittler) ihren Job ordentlich machen, graben sie den Blendern und Bluffern dieser Welt das Wasser ab. Oder zumindest bieten sie eine fundierte Alternative zu grassierendem Bullshit an. Lesen und denken müssen die Menschen dann schon selber.” Nachdem sowohl für Wissenschaftler als auch für Journalisten als Triebfeder das Streben nach Neuem und Unerforschtem dienen sollte, gilt diese Empfehlung speziell für das Medienpublikum.

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