fermentierte Stachelbeere und vino ’69

Die neue Veranstaltungsreihe Schwalbenrauschen bringt im Wohnzimmer des Hotel Schwalbe Raritäten aus Jürgen Schmückings Hauskeller und ausgeklügelte Kulinarik von Eins & Eins Deluxe zusammen. Ein Abend, der sich voll auszahlt.

Sie sei eine „Ur-Ottakringerin“, sagt Regina Petz. Aber ohne Schmunzeln bringt sie das ohnehin nicht heraus. Denn Vorarlberger Akzent und Temperament lassen sich nicht leugnen. Und sie machen einem das Hotel Schwalbe – ein charmantes Eckhaus im 16. Hieb – gleich auf Anhieb sympathisch.

Hier, in der gemütlichen Stube des Hotels hat sich eine kleine, feine Runde für einen Weinabend zusammen gefunden – zwischen Xenia Hausners Gemälde (Jahrgang 2000) und klassischer Wirtszimmer-Einrichtung inklusive Holzvertäfelung, Stammtischwimpel und Juke-Box.

Intimes Setting, persönliche Einzelstücke. Dieses Happening namens Schwalbenrauschen soll Vorbild für eine Reihe solcher Genussabende werden. Der Journalist, Fotograf und Lieblingskollege Jürgen Schmücking bringt die Weine von dort, wo er gerade war (also eh überall und gefühlt beinahe gleichzeitig) und spannende Raritäten aus seinem privaten Keller. Es geht um Wissen, Austausch, Spaß und Geschichten: Der eine träumt sich vom Wein inspiriert in seinen Urlaub zurück, der andere erzählt Persönliches vom Winzer.

Dazu gibt’s abgestimmtes Essen vom Duo Eins & Eins Deluxe. Unter diesem Label betreiben Christian Mazera und Christoph Fink seit nuneinem Jahr eine „kulinarische Maßschneiderei“. Sie bespielen Themendinner, etwa regelmäßige „Gelage“ in der Galerie Die Schöne, lieferten das Eröffnungskonzept für das Café des Weltmuseums und haben einst die erste Wiener Filiale von Joseph Brot aufgesperrt („auch eine Erfahrung“ lautet dazu der vielsagende Kommentar). Sie wollen jedenfalls kein fixes Lokal, sodass sie verschiedene Sachen abdecken und überall ihre köstlichen Kuriositäten von fermentierten Stachelbeeren bis zu Erbsenhumus unter die Leute bringen können. Versuche wie diese familiären Weinabende passen hervorragend zu ihrer Küche. „Alleine oder zu zweit erschöpft sich das Weinkosten gleich einmal“, sagt Fink. „Je mehr Leute man zusammenbringt, umso mehr Weine kann man kosten, sodass man sich noch erinnern kann.“ Win win.

So besondere Weine wie jene die Schmücking mitbringt, beschränken ohnehin auf natürliche Art und Weise auf 15 Leute. Damit jeder noch eine Kostprobe bekommt aus der Flasche – denn mitunter ist es die letzte ihrer Art.

schwalbenrauschen - 1Ringlotte und Ringelblume. Den Anfang macht ein Schaumwein: 2014 Spumante Alta Langa Brut Zero Psea vom Weingut Pecchenino deutet schon die Richtung an: Heute spielt das Piemont eine Rolle. Super lässig, aus Chardonnay, und auch Pinot Noir-Trauben oder wie die Italiener sagen „Pinot Nero“. Rund cremig, Weißbrotkruste, äußerst süffig.

Dann gesellt sich zu zwei Sauvignons aus der Steiermark ein Pirat von der Kellerei Terlan. Spannend dabei auch: Wir raten, welcher konventionell, bio und biodyn ist.* Ersteres erkennen wir sofort. Der geschliffenste. Und so kommt es, dass der Südtiroler Wein hier am sortentypischsten und in der Steiermark ganz üblich ist – diese Junker-Stilistik: frisch, fruchtig, Stachelbeere, grüner Paprika. Er ist auch der jüngere (2017), die beiden Steirer sind 2016er.

Der Biowein stammt von Katherina Tinnacher. Sauvignon Blanc Welles ist farblich am dunkelsten, riecht leicht nach Blütenhonig, stark nach Blüten selbst – Ringelblumen, Lilien, fast ins ätherische gehend. Am Gaumen: Ringlotte. Zweifellos der Komplexester von diesen drei Weinen. Ganz anders, aber nicht minder spannend: der Sauvignon von Ploder-Rosenberg, der kräftig nach Blätterteig und reifer Birne duftet, auch Quitte ist erkennbar. Angenehme Bitternoten am Gaumen bei 12,5 Vol%. Dazu eine Eins & Eins Deluxe-Spezialität: Aufgeschlagene Butter mit Gänsegrammeln.

Back to 1969. Zweiter Flight: noch ein Sauvignon solidär. Älter, kräftiger, der Verkostungsleiter kündigt ihn mit den Worten an „kann sein, dass es jetzt emotional wird“. Vom Graßnitzberg Reserve, Jahrgang 2003, Waldhonig und Wachs, rauchig und komplex, mit 14 Vol % einer der Leichtesten von Klaus Prünte. Warum emotional wird dann auch klar: Es war seine allerletzte Flasche.

schwalbenrauschen - 3Mit den nächsten drei Weinen geht es noch viel viel weiter zurück: Da wäre ein 1969er Traminer aus Poysdorf, vom Weingut Schodl. Dann ein Wein aus dem deutschen Weinbaugebiet Nahe, konkret aus der Schloßböckelheimer Kupfergrube vom Gut Hermannsberg in Niederhausen –der einzige unter diesen dreien, bei denen die Sorte sofort klar ist: Riesling aus 1991, das halbtrocken versteckt er gut und steckt das Alter weg, leichter Petrol-Ton auch schon da. Als Dritter in dieser Runde: Zierfandler 2000 Bricha No. 2 aus der Thermenregion (Gumpoldskirchen). Süßer Duft, Honig und ein Hauch Oxidation, Sherry und Zwetschkenjoghurt, Pilz und Kardamon. 15 Vol % (!) vom Quereinsteiger Stefan Köstenbauer, der von 1997 bis 2000 wirkte und werkte als Winzer, hübsches Etikett.

Wir essen getrocknete Pilze, Sellerie und was aussieht wie kleine weiße Paradeiser sind Stachelbeeren – vor zwei Jahren zum Fermentieren eingelegt. Als Hauptgang gibt es Reh mit cremiger Polenta mit Blauschimmelkäse aus der Tiroler Käserei Plangger. „Flüssiger Riebl“ ruft die Vorarlbergerin. Und in der Griesschmarrn-Debatte ist sie es, die emotional wird. Frische bringt kühles Sorbet aus Zwetschken und Zwiebeln, knackig wirken die angebratenen Frühlingszwiebeln.

Daneben starten wir mit Rotwein: Das Thema ist wieder Alter und Reife – zuerst eine Vertikale aus Rust von Kurt Feiler-Artinger. Cabernet Sauvignon immer mit 30 oder 40 Prozent Merlot. 2000, 2001 und 2002 – erstaunlich wie ein Wein in drei aufeinanderfolgenden Jahren so unterschiedlich schmecken kann.

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Piemont für Ottakring. Dann wieder drei mal Rotes aus dem Piemont: ein Pinot Noir 2016 des Gemeinschaftsprojekts (Mauro Veglio/Gianfranco Alessandria/Jörg Amann, Roddino)„Do what you love“. Den Barolo Rocche dell’Annunziata macht Mauro Veglio alleine. Nougat und Holunderbeere in der Nase hat man bei diesem Nebbiolo aus 2012 in der Nase. Die Lage Rocche dell´Annunziata ist ein der ältesten Grand Cru Lagen im ganzen Barolo Gebiet und schon in den 1960ern wurde dieser Barolo als Einzellage produziert. Ein Barolo mit intensiven Gewürznoten. Der dritte: Heidelbeere und Veilchen bringt auf elegante und durch die Jahre abgerundete Art ein Wein jener Sorte, die hauptsächlich in diesem Weinbaugebiet angebaut wird: Freisa. 2012 Kyè Langhe von der Azienda Agricola G.D.Vajra.

Es folgt ein Süßwein grandios passend zur Nachspeise: Château Guiraud Grand Cru Classé Château Guiraud, Sauternes (Bordeaux) riecht steinig, gibt sich am Gaumen unheimlich frisch, hält den Spannungsbogen super und wirkt wegen der Zitrusnote deswegen trotz Restzucker nicht pappig Chateau Giraund, Jahrgang 2011 13,5 Vol %

Schokokuchen, Birne und zimtiger Wein. Barolo Chinato von der Azienda Agricola G.D.Vajra, Barolo (Piemont)steht für sich alleine, zum flaumigen Schokokuchen mit Haselnüssen und Birnen passt dann perfekt ein Rotwein, der extremen Duft nach Menthol, Eukalyptus, Gewürzlikör, Zimt und Chinarinde, Wermut verbreitet.

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Ganz am Schluss: Sake als traubenlose Surprise

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Fest steht:

…diese Art des Wein-Kennenlernens, des kleinen Rahmens, des ausgeklügelten Essens sei allen wärmstens ans Herz gelegt

…auch schon der jeweilige die Termin für die nächsten beiden Abende:

schwalbenRAUSCHen_02: 1. Feber 2019 (TRADITION & MODERNE)
schwalbenRAUSCHen_03: 23. April 2019 (GEORGI)

*Schmücking hat früher die Pressearbeit für Biowinzer gemacht und erzählt, dass sie damals – zwischen 2004 und 2010 in vielen Versuchen herausfinden wollten, ob man Bio und Biodyn schmecken kann. Das Ergebnis war nicht immer reproduzierbar, nie ganz eindeutig. Eher ist man über die Betriebs-Typizität der Winzer draufgekommen, also über bio oder biodyn.

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