Watschenbaum und Nachkriegsvanillepudding

Wild, archaisch, dunkel – Die fiktive Welt von Helena Adler stellt man sich am besten vor wie ein animiertes Bruegel-Panorama. Dieser Ratschlag steht auch zu Beginn des Romans „Die Infantin trägt den Scheitel links“, gleich nach dem sarkastischen „Home Sweet Home“.
So sind wir gleich mittendrin bei der Ich-Erzählerin, ein kleines Mädchen, das trotzig, stur und unangepasst gegen die Verhältnisse aufbegehrt. Und wenn dafür der Stadl des elterlichen Hofs brennen muss. Sie tut einem leid, die hilflose Infantin, die so anders ist, inmitten des familiären Hasses, der ihm entgegenschlägt.
Vieles verläuft nach rohen Naturgesetzen: Die Alten sterben, die Jungen nerven. Die Mutter wird aparthisch, der Vater bleibt aggressiv. Die Schwestern sind immer gehässig und grob. Die gallige Alpen-Groteske trägt der düstere, dumpfe Klang eines Märchens wie Hänsel und Gretel, das eigentlich für Kinderohren nicht bestimmt ist. Es geht um Scham, Reue, Demut, Bescheidenheit, katholische Schuld. Der Handlungsstrang orientiert sich an einer Art Fiebertraum.

Es herrscht ein rauer Ton. Trotz der Sicht eines rotzigen Kindes entwickelt die Autorin, die am Salzburger Mozarteum Malerei studiert hat, eine hochliterarische Sprachgewalt, die Dank des morbiden Untertons an Valerie Fritschs „Winters Garten“ denken lässt und durch die kulturhistorische Bildhaftigkeit an „Tschudi“, den aktuellen Roman von Mariam Kühsel-Hussaini erinnert. Bilder aus der Kunstgeschichte stützen den eigenwilligen Sprachsog. Und so liegt in den Blutspritzern die Schönheit eines Jackson Pollock Gemäldes. Die bildhaften Referenzen passen sonderbar gut zwischen das bäuerliche Brauchtum und die Kirchenhörigkeit. Wem das gefällt, dem sei auch Petra Puiks „Toni und Moni“ ans Herz gelegt.

Wirklich schirch-schön macht dieses Debüt das wirre Sammelsurium aus Jogltisch mit Vergeltsgott, Watschenbaum und Nachkriegsvanillepudding. Puffalten Redewendungen treffen auf Splitter aus der 90ies Popkultur (Die kleine Hexe und Knight Rider, Malibu Orange). Diese neue Form von zynisch-wütendem Witz gefällt, und lässt nur die Frage folgen, ob Helena Adlers „Herkunftskomplex“ damit jetzt ausgeschöpft oder noch genug Wut übrig ist.

Die Infantin trägt den Scheitel links
Helena Adler
Jung und Jung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s