Der vergessene Konflikt

Der letzte Jännertag des Jahres 2019 beginnt noch finster für Tausende Menschen aus dem Karenvolk. Ihr Konflikt mit Myanmars Zentralregierung ist einer der ältesten Bürgerkriege der Welt. Die Karen National Union kämpft seit 1949 für ein unabhängiges Land. Zu Besuch beim 70-jährigen Jubiläum.

Die Hähne krähen. Schmale, spitz zulaufende Holzboote treiben im Wasser. Den Motor eines solchen hört man aus der Ferne. Es ist das Signal für unsere illegale Handlung. Denn durch die Flussüberquerung gelangen wir ohne Visum nach Myanmar. Nicht alle würden das so sehen. Für die Volksgruppe der Karen ist dieses Stück im Jungle Karenland – Kaw Thoo Lei. Kawthoolei ist der Karen-Name für den aufstrebenden Staat, den die Minderheit seit den späten 1940er-Jahren zu etablieren versuchen. Das Wort bedeutet in ihrer Sprache: „ein Land ohne Übel“.

Das Boot taucht im dichten Nebel auf und bringt jeweils eine Handvoll Menschen auf die andere Seite des Moei-Flusses. An diesem Ort glost ein Nationalitätenkonflikt – seit sieben Jahrzehnten. Was geht da mitten im bergigen Hinterland im Südosten des Landes vor sich? Was hat der Waffenstillstand bewirkt? Und wirkt er überhaupt? Wer ist das Volk der Karen und was bringt sie zum Streit mit der Zentralregierung Myanmars? Um zu verstehen, warum das Feuer dieses Bürgerkriegs noch immer nicht ganz gelöscht ist, muss man die Komplexität des Landes und die Hintergründe dieses Konflikts verstehen.

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Trotz der Friedensbemühungen bestätigt das Flüchtlingshochkommissariat der UNO (UNHCR) weiterhin Zusammenstöße. Viele Menschen können nach wie vor nicht in ihre Heimat zurück. Nach Schätzungen befinden sich 120.000 Menschen in der Region in einer andauernden Flüchtlingssituation. In jüngster Zeit haben 11.028 Personen in zwei Binnenflüchtlingslagern gelebt. Dazu kamen durch gehäufte Auseinandersetzungen im Hpapun-Gebiet im vergangenen Jahr mehr als 2000. Das Flüchtlingskommissariat ist besonders besorgt, weil die Auseinandersetzungen die Zivilbevölkerung treffen. Gefährliche Landminen und Blindgänger erschweren die Rückkehr noch immer, allerdings hätten sich die Bedingungen gebessert, heißt es. Im Oktober 2016 unterstützten die Organisationen 71 Menschen bei der Rückkehr und Reintegration. Weitere 93 folgten im Mai 2018. Und vor einem Monat fand die dritte Rückführung statt: 576 Flüchtlinge kehrten freiwillig aus fünf der Camps zurück in ihre Heimat. Die Mehrheit dieser ging in nach Kayin und Kayah, eine geringere Zahl ließ sich in den Regionen Bago und Yangon nieder.

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Welcome to Kaw Thoo Lei
An diesem Tag blickt das Volk der Karen zurück. Vor genau 70 Jahren begann ihr Freiheitskampf. Am 31. Jänner 1949 griff die Karen National Liberation Army (KNLA), der bewaffnete Flügel der KNU, das burmesische Militär an. Heute, 70 Jahre später, marschieren in der abgelegenen Basis in den Bergen an der Grenze zwischen Myanmar und Thailand die Truppen zu fröhlich-elektronischer Marschmusik auf.

Offene Holzhütten stehen dort auf der lehmig verschmierten Erde. Immer mehr Leute klettern auf die Ladefläche des Pick-Ups. Bis sich zwei rund Dutzend von ihnen aneinanderdrängen. Dann fährt das Auto ruckartig los; eine Viertelstunde durch den Dschungel, wo die Schlaglöcher oft bis zu einem halben Meter tief sind. In die eigens für die Zeremonie ausgebaggerte Flächewürden locker zwei Fußballstadien passen. Ehrungen und Erinnerungen schallen aus dem Lautsprecher über den wolkenverhängten, staubigen Paradeplatz. Die Gewinner des Volkstanzwettbewerbes, der in den vergangenen Tagen zum ersten Mal ausgetragen wurde, werden verlesen. Die Jugendlichen aus der Tanzgruppe schlendern lachend, paarweise Hand in Hand. Die jungen Frauen tragen gelb-grüne Tücher. Ihr Haar haben sie zu einem Knoten gebunden, um dem Kopf ein breites Stirnband mit Fransen. Die männlichen Tänzer sind in rot-weiße Trachten gehüllt. Ihre Röcke reichen bis zum Knöchel. Die Darsteller mischten sich mit Dorfbewohnern und KNLA-Soldaten. Auf den Tarn-Uniformen leuchten rote, weiße und blaue Insignien.Ihre Trachten –  schlichte, handgewebte T-Shirts – leuchten genauso farbenfroh wie die Boote. Mit Ausnahme der unverheirateten Frauen, sie sind in weiß gekleidet.

Ein Banner weht über der Fläche und listet einige der politischen Forderungen der Volksgruppe auf, darunter Aufrufe zum „Behalten unserer Armee“ und „Entscheidung über unser eigenes politisches Schicksal“. Eine Gedenktafel zitiert General Saw Ba U Gyi, der die Revolution begonnen hatte, um die Sklaverei der Burmesischen Streitkräfte zu beenden. Die Zeilen berichten von der Karen National Union (KNU), das sich damals die Waffen zusammensuchte, die die japanischen Soldaten hinterlassen hatten. „Wir werden unsere Freiheit bekommen. Wir sehen uns hoffentlich in Kawthoolei“.

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Die Vorfahren der Menschen, die sich an den Bergkuppen rund um das Areal versammelt haben und die Feierlichkeiten mitverfolgen, sind vor 2700 Jahren aus der Mongolei über Tibet in das Gebiet gekommen. Aktuell verstecken sich Hundertausende Karen im Dschungel. 97.021 Menschen leben in Flüchtlingslagern in den thailändischen Grenzprovinzen Kanchanaburi, Mae Hong Son und besonders in Mae Sot. Sie kamen 1975 erstmals nach Thailand, weil die Aufstandsoffensive der burmesischen Armee gegen Zivilisten im Südosten des Landes gerichtet war. Damals hatte das UNHCR noch keine Präsenz in den Grenzgebieten. Die ersten von Thailand anerkannten Lager wurden 1984 errichtet. Heute gibt es neun offizielle Camps an verschiedenen Orten entlang des Grenzflusses, von der Provinz Mae Hong Son im Norden bis zur Provinz Ratchaburi im Südwesten der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Die Arbeit des Thailand Boarder Consortiums (TBC) erreicht mehr als 195.000 Menschen, davon nicht nur jene mehr als 90.000 Menschen in den Lagern, sondern auch in 191 Dörfern im Südosten Myanmars. Um einen besseren Überblick zu bekommen, testete das UNHCR 2015 ein neues biometrisches System mit dem Migranten aus Myanmar in Thailands Camps identifiziert und erfasst werden könnten.

Warum leben noch immer so viele Menschen in Flüchtlingscamps? Was geschieht mit ihrem Land auf der anderen Seite des Flusses?

2012 war ein einschneidendes Jahr für den ältesten Konflikt der Erde. Damals unterzeichnete eine Delegation der Regierung von Myanmar und Vertreter der Karen National Union (KNU) ein bilaterales Waffenstillstandsabkommen. Es verbietet  – laut der Erklärung der Karen Human Rights Group (KHRG), einer unabhängigen Organisation zur Verbesserung der Menschenrechte im Karen-Gebiet – militärische Angriffe, den Ausbau der militärischen Infrastruktur und die Verstärkung der Truppen in Waffenstillstandsgebieten. 2015 wurde ein bundesweiter Pakt unterzeichnet, der mehrere bewaffnete Gruppierungen betrifft.

Die Dorfbewohner vermuten dahinter allerdings keine Friedensinteressen. In den vergangenen Jahren nahm nämlich der Ausbau der Infrastruktur zu und große Industrieprojekte breiten sich aus. Die Karen glauben, dass der wahre Grund für den Vertrag der Bau von 14 Dämmen über den Fluss ist. Ein Bericht von Karen Rivers Watch warf der Armee vor, eine koordinierte Kampagne zur Kontrolle des Territoriums in der Nähe des Salween River durchzuführen, wo einer der kontroversen Staudämme entwickelt wird. Die neuen Straßen schneiden sich ohne Rücksicht durch die Ländereien der Dorfbewohner, die selbst nicht von den Projekten profitieren. Denn angeblich würden 90 Prozent der neu geschaffenen Energie nach China und Thailand gehen.

Der Wilde Westen Thailands
Myanmar ist eine Station auf der neuen Seidenstraße zwischen China, Laos, Vietnam und Thailand. Von hier geht es weiter nach Indien. Die Gegend rund um Mae Sot auf der thailändischen Seite ist der Wilde Westen Thailands: Nicht nur Zufluchtsort von Minderheiten und Staatenlosen, sondern auch Handelsroute. Immer wieder ist die Rede von Menschenhandel, dem Geschäft mit Jade und dem Opiumschmuggel. Nach Afghanistan ist Myanmar mit rund 60.000 Hektar der zweitgrößte Opiumproduzent weltweit und die meisten Methamphetamine in Südostasien stammen von hier.

Die Beziehungen der KNU zur Armee von Myanmar, wo die demokratischen Reformen weiterhin fragil bleiben, sind angespannt. Im Friedensprozess erzielte man kaum Fortschritte heißt es im Jahresbericht des Thailand Border Consortiums. 2017 mussten 4000 Karen vor militärischen Anschlägen gegen die Zivilbevölkerung in Hpapun fliehen. Mehr noch flohen vor Überschwemmungen. Die KHRG berichtet von Misshandlungen, entweder durch die burmesische Armee oder durch die Demokratische Karen Benevolent Army (DKBA), eine Splitterfraktion ehemaliger KNLA-Kämpfer. Die Militarisierung würde nach wie vor andauern, was zu Zwangsrekrutierung, sexuellen Übergriffen, Folter, Tötung und einem erhöhten Verletzungsrisiko durch Landminen führen kann. Dorfbewohner leben immer noch in Angst vor solchen Vorfällen. Die Karen Human Rights Group berichtet von Beschlagnahmungen.

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Land der 135 Völker
Der Vielvölkerstaat Myanmar besteht aus 135 ethnischen Gruppen. Während die Burmesen rund 66 Prozent der Bevölkerung ausmachen, teilt sich ein Drittel der Menschen auf acht Minderheiten auf. Mit 89 Prozent der Bevölkerung ist der Buddhismus die vorherrschende Religion. Protestanten aus den USA missionierten im 19. Jahrhundert die Sgaw Karen. Deswegen und aufgrund der englischen Alphabetisierung verbündeten sie sich in den 1930er Jahren mit den britischen Kolonialherren gegen die Burmesen und kämpften auch im zweiten Weltkrieg auf der britischen Seite gegen die einfallenden Japaner. Als Japan die Hauptstadt Rangun eroberte, zogen sich die Briten nach Indien zurück. Die Karen-Führung rechnete mit einem unabhängigen Staat. Doch die neue Regierung enttäuschte diese Hoffnung. Und so formierte sich eine Widerstandsbewegung gegen das Regime von Burma.

Das letzte Stück gehen wir zu Fuß. Entlang des Weges haben die Karen-Familien ihre Stände aufgebaut. Es gibt gekochte Eier, gegrilltes Fleisch, gedünstete Maiskolben, Instantkaffee, süßen Tee. Eine junge Frau hackt Betelnüsse klein und verteilt ein paar Scheibchen auf einem Blatt. Dann träufelt sie gelöschten Kalk darüber. Er sorgt dafür, dass der Körper die stimulierende Substanz aufnehmen kann. Dazu kommt Tabak, und je nach Geschmack auch Zimt, Kokos oder Kardamom. Behutsam wickelt sie die grünen Blätter zu kleinen Päckchen.Fast jeder zweite Mann kaut diese Droge. Sie regt die Speichelproduktion an – der Boden ist voll vonblutähnlichen Spuckflecken.

Die Parade der Karen National Union erinnerte daran, dass die oberste Priorität der Verwaltung von Regierungschefin Aung San Suu Kyi – die Beendigung der jahrzehntelangen ethnischen Kriege – weiterhin schwer zu erreichen ist. Als die Sonne durch den Nebel bricht, bemerkt man zum ersten Mal den begrünten Bergrücken, der sich steil aus dem Dschungel erhebt. Davor prangt ein Schriftzug in großen weißen Lettern, jenem berühmten in Hollywood nachgeahmt: Welcome to Kaw Thoo Lei.

Text: Juliane Fischer
Foto: Ice Asarath

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