Anthony McCarten: „Im Schlachthaus zu arbeiten war der begehrteste Ferialjob“

Der Neuseeländische Autor Anthony McCarten verschuf sich mit seinem Theaterstück „Ladie´s Night“ erstmals deutlich international Gehör. Zwölf Theaterstücke, mehrere Drehbücher, einen Gedichtband, Kurzgeschichten und fünf Romane später, arbeitet er jetzt an einem Schnitzler-Musical für die Vereinigten Bühnen Wien. Das Gespräch spannte sich via E-mail quer über die Weltkugel und vom Neuseeländischen Schlachthaus bis zur Wiener Kaffeehauskultur.

Die Vereinigten Bühnen Wien erwählten Sie ein Musical über Arthur Schnitzler zu schreiben. Wie ging das vor sich?
Die Idee mich ein Musical schreiben zu lassen, kam von der Theaterdirektorin der Vereinigten Bühnen Wien, Kathrin Zechner. Sie schlug auch Arthur Schnitzler als Thema vor. Ich war sofort begeistert, aber gleichzeitig ein bisschen skeptisch, weil ich kein Schnitzler-Experte und kein Österreicher bin. Einfach eines der Schnitzler-Werke herauszupicken und zu adaptieren fanden wir beide nicht spannend. Es sollte etwas geschaffen werden, das keine Erwartungen erfüllt, sondern neue entstehen lässt. Ein paar Monate später, legte ich den Vereinigten Bühnen Wien mein Skript vor und sie nahmen es an.

Wie stellen Sie sich Schnitzler vor?
Ich stelle ihn mir schreibend vor, an seinem hohen Schreibpult wegen seines schlechten Rückens und ich mag die Vorstellung zu glauben, dass diese Beschwerden die beklommene Stimmung seiner Stücke erklärt, die sich ebenfalls nie setzen und nicht bequem daher kommen. Sie bleiben was F. Scott Fitzgerald “a kind of moral attention forever” nennt. Wahres Unbehagen bereitete Schnitzler aber seine Überzeugung , dass während die Moral der Bourgeoise grausam, repressive und heuchlerisch ist jeder Versuch außerhalb dieser Gesellschaft, außerhalb den Trieben der Liebe und den Zwängen von Eros zu leben, sinnlos ist und tragisch endet.

Arthur Schnitzler ist einer der wichtigsten Vertreter der Wiener Moderne. Wie stehen Sie zu dieser Epoche?
Kunst liebt den Zerfall. Im Wiener Fin de Siecle waren, für ein paar Jahre, die Bedingungen dafür perfekt und so wurde Kunst – durch den politische und soziale Zerrüttungen – zu einer Religion. Im Laufe der Geschichte waren diese Entwicklungen spärlich zu finden, aber immer sehr fruchtbar. In diesem Fall kann man sagen, dass um die Jahrhundertwende das meiste der Modernen Kunst durch die Stadt Wien geboren wurde. Wir müssen alle dankbar sein, dass Schnitzler, Freud, Hofmannsthal und die gesamte Wiener Kaffeehauskultur die Illusion teilten, dass Realität, Stabilität, Rationalismus und eine glückliche Gesellschaft nicht mit unterdrückten Leidenschaften, Träumen und Narzismus zusammen hinge.

Wie haben Sie für das Musical recherchiert?
Ich habe mich durch das Schnitzler´sche Werk gelesen, dann Zusammenfassungen von seinen Geschichten und mich dann zusätzlich noch in ein paar Bücher zur Wiener Moderne vertieft. Zusätzlich habe ich Wien dreimal besucht und  bin hier durch die alten Gassen geschlendert. In den alten Kaffeehäusern hab ich bestimmt mein Körpergewicht in Apfelstrudeln gegessen. Das Essen fand ich auch aufschlussreich: exzessiv und reichhaltig. – Eine Hingabe an den Sensualismus.

In einem Interview sagten Sie einmal, dass Buchrezensionen oft nur von der Handlung erzählen und auf den philosophischen Hintergrund sowie die latenten Themenstellungen verzichten, was Sie frustrierend empfinden. Möglicherweise ist es ebenso bei Theaterstücken?
Die Herausforderung des Projekts ist es die Anliegen der Jahrhundertwende in die heutige Zeit zu transportieren. Die Themen sind zwar zeitlos, aber die Struktur an die Form des Musicals muss neu überdacht werden damit es seinen Überraschungseffekt weiter behält.

Im Vergleich zum Leser: Ist es einfacher oder schwerer die Quintessenz an das Theaterpublikum zu vermitteln?
Theater gibt viel mehr Spielraum für eine bestimmte Direktheit als eine literarische Novelle. Auf der Bühne lassen sich die Themen offener behandeln, unverschämter. Da dem Publikum bewusst ist, dass es nur zwei Stunden dauert, erwartet es diese Klarheit.  Bei einem Buch hingegen hat der Leser mehr Zeit, und hoffentlich Ruhe und Frieden, tiefer zu graben und sich selber herauszupicken, was ihn interessiert um eine private individuelle Leseentdeckung sozusagen. Dafür ist im Theater nicht genug Zeit, Undeutlichkeiten sind hier kontraproduktiv. Das schlechteste Echo, das du von einem Theaterpublikum kriegen kannst , lautet: “Ich habe es nicht verstanden.”

Wie finden Sie Stanley Kubricks filmische Adaption (“Eyes wide shut”) von Schnitzler´s Traumnovelle?
Ich bin ein Kubrick-Fan, selbst Filmproduzent und ich konnte es kaum erwarten, nachdem er so brilliant die absurde Seite des Krieges und den Horror von Jack Nicholson mit der Axt erforscht hatte, herauszufinden was er uns über Sex sagen würde. Nicht so viel, wie sich heraus stellte. Das langweilte mich. Der Film fällt für mich in der extravagangen Orgienszene, die ein zentrales Moment darstellt, auseinander. Das war ungefähr so sexy wie eine Business Lounge am Flughafen. Kubrick, der Einsiedler hat möglicherweise künstlerisch darunter gelitten, so lange Zeit nicht Teil der Welt zu sein. Der Film war kalt, kalt, kalt und nichts kann als lebennah angesehen werden, wenn es keinen Humor hat.

Schnitzler´s Schreibstil, sagt man, sei stark von seinen häufigen Kinobesuchen, den Gesprächen mit Freud und den Aufzeichnungen über seine eigenen Träume beeinflusst gewesen. Einige Ihrer Bücher wurden bereits verfilmt. Finden Sie dass Ihr Schreibstil etwas drehbuchähnliches hat?
Abgesehen davon, dass ich es mag eine Geschichte in drei oder vier Akten zu erzählen, mit mindestens einem Hauptcharakter, der auf eine Reise ins Ungewisse geht und eventuell auch wieder zurückkehrt, haben meine Bücher eine Struktur, die oft filmisch adaptierbar ist. Was noch hinzukommt ist die Tatsache, dass Film und Fernsehen in meiner Kindheit einflussreicher waren als Bücher. Ich sehe mich eher als visuellen Romanautor denn als Cinographischer Schreiber.

Ihren neuesten Roman setzen Sie in ein neuseeländisches Provinzstädtchen. Sie sind selbst in so einem Umfeld aufgewachsen und wie war ihre Jugend im Vergleich zu der der verzeifelten jungen Mädchen im Buch?
Ich bin in der kleinen Stadt Waitara aufgewachsen. Dort gab es ein Schlachthaus, auf welches ich mich im Roman beziehe. Im Schlachthaus zu arbeiten war der begehrteste Ferialjob, den du als Teenager haben konntest. Tausende von Rindern und Schafen wurden wöchentlich geschlachtet und die Fabrik war – entschuldigen Sie den Wortwitz – das Herzblut des Städtchens. Das war der Grund warum alle Mädels im Buch dort arbeiten. Als die Fabrik geschlossen wurde, starb die Stadt quasi über Nacht. Das Buch dreht sich also auch um den Niedergang alter Lebensformen.

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