Alena Buyx: „Wir wissen nicht, ob Patienten das wollen“

Alena Buyx ist jüngstes jemals ernanntes Mitglied des deutschen Ethikrats und Professorin für Medizinethik an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Die neue Abteilung „Diagnostic Applications“ vom Ludwig Boltzmann Institut hat sie für medizinethische Fragen nach Wien geholt.

Welche ethischen Fragen tauchen bei der Krebsdiagnostik auf?
Wir wissen überhaupt noch nicht, ob Patienten das eigentlich wollen und wie sie mit maßgeschneiderten Befunden umgehen würden. Was, wenn wir nur sagen können: ,Dein Krebs ist dieser und jener, aber leider haben wir da noch keine spezielle Therapie im Angebot‘? Das wird zumindest in den nächsten Jahren noch oft der Fall sein. Will der Patient das dann trotzdem wissen? Oder sagt er einfach: Das belastet mich nur zusätzlich.

Wie viel weiß man über die Erwartungshaltung von Patienten bisher?
Noch viel zu wenig. Wir müssen hier mehr lernen, denn nur dann können wir die zukünftigen medizinisch-technischen Fortschritte so einführen, dass sie ethisch, ökonomisch und gesellschaftlich akzeptabel sind.
Außerdem spielt natürlich eine wichtige Rolle, wie die personalisierte Diagnose das Arzt-Patienten-Verhältnis beeinflusst, ob sie die Patientenautonomie stärkt, ob sie in der Entscheidungsfindung hilft.

Das betrifft letztlich alle medizinischen Bereiche.
Ja, in der Medizinethik geht die Debatte schnell in die Breite. Fragen, die sich bei krebstherapeutischen Ansätze stellen, sind regelmäßig auch relevant für andere Erkrankungen. Wir machen hier Pionierarbeit. Meine Kollegin, die Gesundheitsökonomin Judith Simon errechnet, ob die Diagnostik und Behandlung durch die Personalisierung auf Dauer billiger oder teurer würden. Was heißt das gesamt für das österreichische Gesundheitswesen? Ich betrachte gleichzeitig die ethische Perspektive: Welche ethischen Folgen könnte das haben? Und wären die Patienten bereit, für eine präzisere Diagnostik privat etwas aufzuzahlen?

Da rückt das Thema Zweiklassenmedizin in den Vordergrund…
Genau. heißt es für unsere Gesellschaft, wenn wir diese Art von Personalisierung einführen? Neben den therapeutischen Vorteilen, kann die zum Beispiel mit Kosten einhergehen und nur für Patienten infrage kommen, die sich gut auskennen oder solche, die sie bezahlen können. Viele befürchten eine Entsolidarisierung.

Welche Gefahr besteht da konkret?
Bessere Marker sind für die Therapie super, aber bedeuten gleichzeitig, dass es zum Beispiel plötzlich viel klarer ersichtlich ist, welche bestimmten Gruppen zu besonders schlimmen Krebsformen neigen. Das könnte zu Sondertarifen und schwer versicherbaren Menschen führen. Diese ethischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Dimensionen sind noch wenig erforscht.

Welche Rolle spielt der Datenschutz in Ihrer Forschung zur personalisierten Krebsdiagnostik?
Das ist ein großes Thema und eine wesentliche ethische Diskussion, allgemein und bei der Patientenbefragung: Habt ihr Sorgen, dass eure Daten in falsche Hände geraten? Wärt ihr bereit die genetische Informationen zur Verfügung zu stellen? Und außerdem: Darf man solche Daten herausgeben an Dritte?

An Versicherungen zum Beispiel.
Richtig, damit sind wir wieder bei der Gefahr der Entsolidarisierung. Wir wissen, dass Versicherungen, weniger in Österreich – die Pflichtversicherung schützt zu einem gewissen Grad davor – aber vor allem private Versicherungen in den USA, sich teils jetzt schon Patienten aussuchen. Kommt das flächendeckend, könnte das ganze solidarische Versicherungssystem zusammenbrechen.

Die Übertherapie meint medizinische Maßnahmen, die keine für den Patienten sinnvollen und nützlichen Behandlungsziele erreichen. Kaum ein anderes Thema wird in der Medizin so tabuisiert und ist ökonomisch gewichtiger.
Wenn die Therapiemaßnahmen aus der neuen LBI-Forschung in der Klinik umsetzen, glaube ich eher, dass wir die Übertherapie verbessern helfen könnte. Weil nicht mehr Schrottschuß-Taktik praktizierst, sondern zielorientiert Chemo oder Strahlentherapie einsetzen kannst. Die Gründe für die Übertherapie liegen woanders.

Und zwar?
Die Medizin kämpft zu lange mit dem Tod, obwohl wir längst palliativ arbeiten sollten. Wir als Ärzte machen Abwehrmedizin, damit uns ja keiner vorwerfen kann, wir hätten nicht alles versucht. Dabei schießen wir weit übers Ziel hinaus. Natürlich gibt es auch perverse Anreize – perverse incentives – im Vergütungssystem, die Ärzte dazu bringen, mehr zu machen, für mehr Geld für die Ordi oder das Krankenhaus. Die personalisierte Therapie hingegen könnte zielgerichtet werden. Die Ärzte halten Übertherapie für ein ernstes Problem und erleben das im Alltag.

Gleichzeitig ist es Tabuthema. Auch in der Forschung?
Medizinethiker weisen seit 30 Jahren daraufhin, dass man am Lebensende nicht diese Übertherapie machen soll. Der ganze Krampf darum, dass man Maßnahmen beenden darf, wendet sich ja letztlich gegen diese Übertherapie am Lebensende. Mediziner fürchten, dass irgendwer kommt und sagt: Du hast nicht mehr alles gegeben. In den Köpfen ist noch drin: Ärzte dürfen niemals Sterben zulassen. Das ist einfach Quatsch. Es ist inzwischen in Deutschland Teil unserer Standesrechtsordnung. In der Präambel der Berufsordnung steht: Ärzte dürfen auch das Sterben mitgestalten. Dafür gibt es die Palliativmedizin.

Foto: Privat
(erschienen in verkürzter Form in der Presse/Wissen und Innovation vom 29. Juli 2017)

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