Ein Spiegelbild der Demokratie

Das Parlamentsgebäude soll offener werden, zu einem Ort, in dem auch
das Volk seinen Platz findet. Doch wie viel trägt die Architektur dazu bei?

Zyniker würden vom Spiegelbild der realpolitischen Lage sprechen. Das Hohe Haus ist desolat. Lange hat es gedauert, bis man sich zum Entschluss einer Renovierung durchrang. Die Bundeskammer der Architekten kritisierte die Vorgangsweise bei der Auswahl des Generalplaners. Nur ein offener Architekturwettbewerb hätte eine transparente, projekt- und qualitätsorientierte Auswahl ermöglicht, meinten sie. Außerdem verzögerte die Angst, dass die Kosten die Wähler vergraulen, eine Einigung. Letztendlich standen aber alle Fraktionen hinter einem Umbau des mehr als 130 Jahre alten Parlamentsgebäudes. Und auch die Architektenkammer zeigt sich versöhnt. „Zwar waren wir ursprünglich nicht auf einer Schiene was die Abwicklung der Vergabe angeht, aber mit der Jury-Entscheidung sind wir jetzt zufrieden“, sagt der Vorsitzende der Bundessektion Architekten der Kammer der Ziviltechniker, Georg Pendl.

Die Art, wie Politik gemacht wird, verändert sich mit der Gesellschaft. „Im modernen Staate stehen alle gesellschaftspolitischen Bereiche wie zum Beispiel Verfassung und Recht, Wirtschaft und Handel, Wissenschaft, Bildungswesen und Technik, Arbeit, Freizeit und Gesundheitswesen der Gestaltung und Einflussnahme durch die Politik offen“ heißt es in Meyers Konversations-Lexikon – „Das sind genau diejenigen Bereiche, für die auch wir arbeiten; von daher kommen doch unsere Aufgaben“, sagt Georg Pendl über den Architektenberuf.

Ein eigens eingerichteter Nutzerbeirat sammelte und diskutierte die Interessen der Politik. Jede Partei entsandte architekturinteressierte Delegierte. In den monatlichen Treffen ging es um planerischen Themen: Notwendigkeiten, Anforderungen, Wünsche, die in den Architekturprozess hineingenommen werden. „Ein Parlamentsgebäude ist der Geschichte verpflichtet, bedeutet aber immer auch Veränderung“, sagt Christian Jabornegg, Architekt des Generalplanerbüros. Schließlich lebe das Parlament auch von der Veränderung der demokratischen Vorgänge.

Zu Kaisers Zeiten ging es viel heterogener und wilder zu

Zu Kaisers Zeiten führte das Hohe Haus Menschen aus allen Kronländern zusammen, er selbst ließ sich im Parlament nicht blicken. „Es war noch viel heterogener als heute, noch viel wilder, man glaubt es kaum. Denkwelten trafen aufeinander“, erläutert Hermann Schnell, Mitglied des Expertengremiums, das für die Generalsanierung zuständig ist. Erbauer Theophil Hansen hat bei der Planung nicht nur die Symbolik beachtet, sondern auch die Realpolitik im Blick gehabt. Früher gab es die große Kammer – die nach Regionen Gewählten und das vom Kaiser ernannte Herrenhaus – die Kammer des alten Establishment. Diese beiden Gruppen standen sich eher skeptisch gegenüber. „Hansen konzipierte die innenarchitektonische Aufteilung so, dass sich die beiden Kammern beiläufig und angenehm begegnen, in den Gängen und in der Säulenhalle“, erklärt Schnell.

Darf die Öffentlichkeit irgendwann in die Ausschüße?

Zum modernen Verständnis von Politik und Transparenz passe das aber nicht mehr, meint man in der Parlaments-Gebäude-Sanierungs GmbH, die versucht, eine bauliche Plattform zu schaffen, um das Haus für mehr Bürgerbeteiligung zu öffnen. Das Parlamentsgebäude soll also stärker zum Ort werden, in dem das Volk – von dem ja alle Macht ausgeht – auch seinen Platz findet. Teilweise ist das noch ein Widerspruch zur aktuellen gesetzlichen Lage. Sollten einzelne Ausschüsse jemals der Öffentlichkeit oder Journalisten zugänglich werden und sich Enqueten häufen: Ist man durch den Umbau dafür gewappnet? Parlamentsvizedirekor und Projektleiter Alexis Wintoniak bejaht das: „Es wird im Erdgeschoß und im Dachausbau neue Ausschusslokale und Veranstaltungsräume geben. Ein direkterer Zugang für die Öffentlichkeit ist archetektonisch vorgesehen.“ Und wie reagiert die Architektur auf die Parteienlandschaft, die immer pluralistischer wird? „Das haben jetzt auch die großen Parteien erkannt, dass das zu berücksichtigen ist“, sagt Hermann Schnell. „Ein modernes Sesselsystem sorgt für mehr Flexibilität im Umgang mit den unterschiedlichen Abgeordnetenzahlen.“

Transparenz wie Milchglas

Offenheit und Transparenz sind die angeführten Leitprinzipien bei der Sanierung des Parlamentsgebäudes. Das geplante Glasdach über den Nationalratssitzungssaal soll den Blick ins Freie eröffnen und auch als architektonisches Statement verstanden werden. Norbert Mayr, Architekturhistoriker und damaliger Präsident von DOCOMOMO Austria ortete Scheinheiligkeit, schon bei den ersten Planungen für den Plenarsaal 2007/08: Nachdem er im November 2011 einen Text in der FURCHE veröffentliche, stellte die Parlamentsdirektion die von ihm angesprochene wissenschaftliche Bestandsdokumentation auf die Website. Im Sinne dieser Studie, die eine von mehreren Gutachten ist, fordert Mayr einen sanfteren Umbau des Nationalratsaals, weil sonst „nicht nur die einzigartige Architektur, sondern auch ein zentrales Symbol der Zweiten Republik in Raumform und Authentizität verloren ginge“.

„Transparenz bedeutet nicht: die Decke aus Milchglas durch eine durchsichtige zu ersetzen, sondern offen zu kommunizieren, statt sich in Widersprüchen zu verstricken“, meint Norbert Mayr. Denn laut Presseaussendung der Parlamentsdirektion vom 8. August 2011 wären Personen unter dem Glasdach des Nationalratssaals „durch abstürzende Glasflächen und -bruchstücke” einer “hohe[n] Gefährdungswahrscheinlichkeit” ausgesetzt gewesen. Eine Meldung, die Mayr für unnötige Dramatisierung hält. Projektleiter Wintoniak entkräftet das heute. Zwar flossen 369.000 Euro in eine neue Glasdecke, allerdings: im Historischen Sitzungssaal, wo zuletzt der neue Bundespräsident angelobt wurde und der äußerst selten genutzt wird. Anders als die Aussendung damals vermuten ließ, bestünde für den Nationalratssaal keine Gefahr, Sicherheitsmängel seien kein Grund für weitere Investitionen, so Wintoniak. Ein neues Glasdach will man trotzdem, um „eine weitere Öffnung für die Öffentlichkeit zu erreichen und den Bereich auf der Galerie zu erweitern“, erklärt er.

„Die Architektur ist ein wesentlicher Faktor, um mehr Demokratie ins Parlament zu bringen. Die Bauweise hat einen hilfreichen Sinn”, ist Hermann Schnell überzeugt. Er hat auch bei der Sanierung des Berliner Reichtages mitgearbeitet. Und der gilt als Paradebeispiel für einen gelungenen Umbau und wurde zum Symbol eines neuen Deutschlands – nicht nur als Touristenattraktion, sondern auch die Wahrnehmung als Institution wurde gestärkt.

Dass politische Programme zu Architektur geformt und so materiell sichtbar gemacht werden, dafür gibt es recht markante Beispiele: Die Planungen Hitlers und Speers für Berlin zum Beispiel, Versailles und der Absolutismus, sowie die Barockarchitektur der Gegenreformation in Süddeutschland… „Man kann nicht so tun, als ob es wertfreie Architektur gäbe“, meint Georg Pendl. Erst recht nicht bei einem Gebäude, in dem ausgemacht wird, wie unsere Gesellschaft leben kann. Zum Zustand des Parlaments meint er: „Ohne Eingriff geht es nicht. Die Alternative: das Parlamentsgebäude als Museum weiter zu erhalten und ein neues zu bauen. Dafür wäre Wolfgang Prix, CEO von Coop Himmelb(l)au gewesen.“ Der hat übrigens die Ausschreibung für das Albanische Parlament für sich entschieden, wo ein Neubau die Symbolik für eine neue Politik natürlich verstärkt.

„Architektur spiegelt im besten Fall immer die Gesellschaft wieder“, sagt Pendl. „Der Auftraggeber drückt sich bewusst oder indirekt durch die Gestaltung der Freiheit und Grenzsetzung aus.“ Das gilt für Neuerungen in einer Gesellschaft, große reformerische Umbrüche. Beispielhaft nennt er das Schottische Parlament oder die Wiedervereinigung Deutschlands. Wenn ein Land im Aufbruch ist, macht sich das baulich bemerkbar. Österreicherinnen und Österreicher warten gespannt, was der Umbau für ihr Land bringt und bauen auf die goldumrankte Wächterin des Hauses: Pallas Athene gilt nämlich nicht nur als die Göttin der Weisheit, sie steht auch für das Handwerks. Möge sie beides dem Hohen Haus bescheren!

(erschienen in der Furche, Ausgabe 7 vom 16. Februar 2017)

Foto: © Parlamentsdirektion / Jabornegg&Pálffy_AXIS / ZoomVP

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