Geschichten, in denen der Moment zählt

Marina Keegan hatte beschlossen, Schriftstellerin zu werden. Die Quarterlife Crisis hemmt und enthemmt sie dabei zugleich. Selbstekel, Neid, Eifersucht und Wut – selten liest man ehrlich davon. Junge Wanna-be-Schriftsteller orientieren sich oft angestrengt an Vorbildern, wollen ihr Alter überspringen und halten eigene Erfahrungen für zu banal als literarischen Stoff. Marina Keegan hingegen erkennt die Wichtigkeit des gegenwärtigen Moments: die Jahre in denen man so schnell hasst und so hastig liebt. Sie schildert die Zeit voller Abschiede, Entscheidungen, in lauwarmen Beziehungen, hin- und hergerissen durch den Kontrast zwischen Uni-Campus und der Familienidylle, nun nicht mehr durch Kinderaugen verklärt. Als Studentin spürt sie den Konkurrenzdruck der Sucht nach Einzigartigkeit und reflektiert die Vergänglichkeit, indem sie den Leser an ihrer Neugierde teilhaben lässt. In Zeiten der vorschnellen Meinung ist das ebenso angenehm wie ihre unprätentiöse kitschfreie Sprache. Keegan klingt wie eine Einundzwanzigjährige, die ihre Welt zu ihren Themen macht: unverfroren, jugendlich naiv, frustriert, doch gleichzeitig zuversichtlich. Zwar gibt es ein paar launige blogartige Stellen wie die Hymne an das College-Auto, an dem eine Menge Teenie-Erfahrungen hängen, doch fast immer gehen ihre Beobachtungen über pure Alltagsroutine hinaus. Bedrückende Momente machen die Erzählungen und Essays zu Texten an der Kippe. Der Tod taucht immer wieder auf: Er wird mit Walen an den Strand von Cape Cod geschwemmt, er drückt auf das Stahlgehäuse des Unterseeschiffs Alvin II, wenn die Tiefsee zum Grab wird und er lauert über der Bagdad-Email-Novelle. Selbst in „Aufs Korn genommen“, einer ironischen Geschichte über Zöliakie und eine Mutter-Tocher-Beziehung ist einleitend die Rede vom Sterbebett. „Das Gegenteil von Einsamkeit“ betitelt auch die Abschlussrede Keegans an der Yale University. Ein paar Tage später stirbt sie bei einem Autounfall. Mit ihr verstummt Vielversprechendes viel zu früh. Eine richtige. Mit Haut und Haaren. So eine Schriftstellerin ist Marina Keegan geworden.

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Das Gegenteil von Einsamkeit
Marina Keegan
(aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitte Jakobeit)
S. Fischer Verlag

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