„Alles unter Kontrolle“: Rund um den Globus, den Daten auf der Spur

Für „Alles unter Kontrolle“ reiste Werner Boote nicht nur zur größten Bodenstation der NSA, sondern auch zu einem Daten-Erfassungszentrum nach Indien und zu einem ehemaligen Gefängnis in Kuba.

„Guten Morgen, Werner! Hier ist Mimi, deine persönliche Assistentin“, grüßt die Stimme der digitalen Sprachassistentin aus dem iPhone des Dokumentarfilmers Werner Boote. Mit ihr ist er für sein neues Projekt vier Jahre lang um die Welt gereist. Mimi dient ihm nicht nur als elektronische Erinnerungshilfe, sondern auch als Stilmittel: Im Laufe der Doku sammelt sie Infos von Boote und übernimmt so immer mehr die Kontrolle.

Das Thema könnte aktueller fast nicht sein: Zehn Tage vor Filmstart einigte sich die EU auf die erste Datenschutzreform seit 1995. Der Film zeigt nicht nur, wie schnell man eine elektronische Spur hinterlässt, sondern auch, was damit geschieht und geschehen kann, und so ist auch Menschen ohne Sprachassistenten am Mobiltelefon bald klar: Die Welt bewegt sich in Richtung George Orwells „1984“. „Orwell war ein Optimist“, meint Mikko Hyppönen, ein im Film befragter Experte für Computersicherheit, „er wusste, dass sich die Technologie gegen die Bürger drehen konnte, aber er hatte noch keine Ahnung von Suchmaschinen.“ Dass sich nicht nur Freunde und Follower für unser digitales Leben interessieren, haben die Enthüllungen von Edward Snowden gezeigt. Als ersten von vielen Schauplätzen sucht Werner Boote deshalb eine Geheimdienst-Abhörstation auf. Auf dem sumpfigen Boden von Menwith Hill, inmitten Englands, steht die größte Bodenstation des amerikanischen Auslandgeheimdienstes NSA. Kuppeln, die aussehen wie riesige Golfbälle, verstecken die Parabolantennen der Radaranlagen. Von der großen Überwachung, wie jener aus dem All, die hier gesteuert wird, zu den unzähligen „kleinen“ Überwachungen im Alltag: Die Angaben, die wir unbewusst oder freiwillig machen, ergeben ein alarmierend klares Bild von uns. Denn in unserer schönen neuen Welt bleibt nichts mehr unbemerkt, meint Boote, auf Aldous Huxleys Roman anspielend.

Wenn wir Geld abheben, SMS verschicken oder online Weihnachtsgeschenke kaufen, produzieren wir Daten, die uns kontrollierbar machen. „Wir haben die Entscheidungsmacht über unsere Daten abgegeben. Das sollte uns Sorgen machen“, sagt Internet-Aktivist Jacob Applebaum. Er erinnert an Fehler in der Vergangenheit: Facebook sei das weltweit größte Verzeichnis von beispielsweise Juden, Muslimen oder Homosexuellen, warnt er. Es sei beunruhigend, was mit diesem Informationsmaterial geschehen könnte. Und: Selbst Banken, Regierungen, ein iranisches Atomkraftwerk und große Unternehmen wie Twitter, Playstation oder eBay wurden schon gehackt.

Werner Boote sieht seinen Film als „Call to action“, doch an der Ausführung hapert es: Um ein breites Publikum auf witzige Art anzusprechen, hinterfragt der Regisseur oft übertrieben blauäugig. Einzelne Resümees sind platt formuliert. Glücklicherweise wird das durch gut gewählte Expertenstimmen austariert. So stellt Boote die Bürgerrechtsbewegung Big Brother Watch dem ehemaligen Leiter des britischen Nachrichten- und Sicherheitsdiensts Sir Omand David gegenüber. Er befragt Experten für Kryptologie, einen Sicherheitsbeamten in den Casinos von Las Vegas und sogar den Gangsterrapper Belo Zero im gefährlichen Chicago East Garfield Park („Ich will meine gottverdammte Privatsphäre – dann fühle ich mich sicher“).

Seine investigative Herangehensweise führt nicht immer zum Ziel, unterstreicht aber den authentischen Zugang. Weil er es nicht in den Fuchsbau der Datenschützer schafft, fährt er den NSA-Mitarbeitern zwei Tage lang hinterher. Zuletzt landet Boote in einem ehemaligen kubanischen Gefängnis, das als Panoptikum – bekannt aus Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ – konstruiert ist. Der Turm in der Mitte gibt einem das Gefühl, ständig überwacht zu werden, weswegen das Panoptikum als Symbol für totalitäre Herrschaften gilt. Das gilt auch für den Überwachungsstaat. „Freiheit sieht anders aus“, sagt die Stimme aus dem Off.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.12.2015)

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