Das Leben als Stillleben

»Immerjahn« von Barbara Zeman

Barbara Zeman wagt sich in ihrem Debüt »Immerjahn« rund um einen gescheiterten Künstler und erfolgreichen Erben, an eine skurrile Familienaufstellung in Petersburger Hängung. Ein Roman wie eine aus der Zeit gefallene verstaubte Wunderkammer. Immerjahn ist nicht für jedermann.

»Er hatte in seinem Leben nicht so viel erlebt, war doch nichts als ein melancholischer Kunstsammler in seinem von Mies van der Rohe erbauten Haus«, heißt es über das Anwesen undseinen 52-jährigen titelgebenden Besitzer Gotthold Immerjahn. Sein Dasein gleicht einem Stillleben. Lebendig wie Zement – das Material, auf dem der Reichtum der Familie gründet. In zwei Wochen soll eine Ausstellung den Bilderreichtum für die Öffentlichkeit zugänglich machen.

Doch Immerjahn kann sich nicht zu Vorbereitungen aufraffen. Gelähmt in seinem Gedankenstrom lässt sich der Stammhalter im Dämmerlicht treiben. Immerjahn erinnert an den Typus des gebildeten, Idealen verpflichteten, aber durch Herkunft zu ergiebiger Faulheit resignierten russischen Romanhelden, wie Oblomow einer war.Die Trägheit als Grundstimmung ist nur zu ertragen, wenn man sich einlässt auf den kreativen wie schrulligen Witz dieses Werks. Sie mögen es schnörkellos und rasch erzählt, puristisch und klar? Bitte gehen Sie weiter. 

Das Fabergé-Ei von Zar Nikolaus II. Barbara Zeman, verschachtelt in ihren Satzgirlanden mit Genuss (dieses Partizip-Faible!) jene Fantasiegebilde, die ein luxuriöser Lebensstil beinhaltet. Das liest sich surreal wie ein Fiebertraum an einem heißen Augustnachmittag. Ein solcher wird auch im Buch beschrieben: »Trübe taumelten die sinkenden Brocken eines Traumes vor seinen Augen«, liest man hier. Den ganzen Roman lang ziehen die vergangenheitsgewandten, diesigen Gedanken ihre Schleifen. Wir bleiben im Oberstübchen des melancholischen, geckenhaften Intellektuellen hängen. Rund um ihn: Die nicht weniger eigentümlichen Hausangestellten, die wie alle Nebenfiguren dem Protagonisten konträr entgegenstehen. Sie stecken in ihren Bilderrahmen, jede und jeder von ihnen mit ihren Neurosen.

Nicht alles was glänzt, ist Kapitalismuskritik. Immerjahn aber sucht Zuflucht und Ablenkung bei seinen »lieben Gefangenen« – seinen Gemälden. Kunst als Reflexionsfläche, Kunst als Gesprächspartner, Kunst als Vergleichsgröße, Kunst als Objekt der Begierde, Kunst als Lebensinhalt. Kunst als kaputte Prothese auf der Sinnsuche. Die Erzählung gipfelt in der Frage: Wird Kunst (sein) Fenster zur Realität oder sperrt sie ebendiese aus?

Auch der 18-jährige Sohn Raffael leidet. Er sucht im Profisport nach Erfolgserlebnissen. Seine Eltern nehmen ihn genauso wenig ernst und wahr, wie sie es selbst von den Generationen zuvor kennen. Ehefrau Katka verschwindet in unregelmäßigen Abständen. Sie ist wie Schrödingers Katze in Immerjahns Leben – halb da und halb weg. Zwanghaft entwickelt sie das Gehabe einer Neureichen und zudem eine ausgewachsene Shoppingsucht. Ihr Mann bezeichnet sie als Konsumistin. Manch Literaturkritiker schreit da vorschnell Kapitalismuskritik. Doch letztlich geht es weniger um das volkswirtschaftliche System, sondern um puren Materialismus. Und den können schließlich auch Kommunisten pflegen.

Kunst, Kleider, Konsum.Katka ersetzt ihren Mann durch Konsumgüter und einen, der zwar erfolglos ist in seinem Tun, aber darin seine Berufung gefunden hat: den Künstler Fritzwalter. Er ist Immerjahns ehemaliger Untervermieter. Beide »mochten Feigen und eine bestimmte Nische in der Bar im Nachbarhaus. Aber das Wichtigste war, sie beide liebten Kunst«. Doch Immerjahn vertreibt seine Zeit mit Kunst stets auf der Metaebene und nicht aus finanzieller Notwendigkeit. Er hält Kunst und Geld für synonym, weil er beides in unerschöpflichem Maße besitzt, ohne je dafür aktiv geworden zu sein.

Erklärend liefert die Autorin die Küchenpsychologie mit: »Er hatte gelesen, sich Dinge zu kaufen sei Substitut für Religion, Ausdruck von Angst und großer, blind machender Leere. Man konnte sich Dinge kaufen gegen die Angst. Katka kaufte Kleider und er Bilder.« Beides verlor nach kürzester Zeit seinen Reiz und schaffte nicht den erhofften Halt, die Struktur im Leben. So kokett, so aufgelegt.

Die Immerjahn’sche Reflexion handelt vom Hinterlassen, von Besitz und Wert (geben und haben). Welche Rolle hat Arbeit in unserem Leben? Was bleibt von uns nach dem Tod? Er fühlt sich einzementiert in seinem Schicksal. Uninspiriert und passiv verwaltet er die Erbschaft. Ihm fällt nicht einmal ein, welchen Sinn seine Stiftung haben könnte. Gleichzeitig fantasiert er von einer neuen Maßeinheit oder einer Währung, die er erfinden will, am liebsten würde er gar eine neue volkswirtschaftliche Theorie aufstellen.

Namedropping als gäb’s kein Morgen. So schnörkelig wie die Großmutter das I für Immerjahn in das Taschentuch gestickt hat, schreibt auch die Autorin. Ihre Fabulierlust kennt keine Grenzen. Bis hin zur Trophäenschau verkrampfter Aufzählungen kann das führen und uferlos wie die erzählerische Ausstaffierung ist auch das Namedropping. Große Meister beschränken sich nicht nur auf die bildende Kunst. Mit Anspielungen auf Bands wie die Talking Heads malt sie Herzerl in die nostalgisch verträumten Augen so mancher Popkulturjournalisten (vielleicht dieselben, die sich zum Lockwort Kapitalismuskritik hinreißen lassen?).

»Immerjahn« ist ein Augenschmaus für Ästheten. Doch nicht jeder findet sich in einem Kuriositätenkabinett zurecht. Denn die Handlung kommt nicht weiter. Der Titelheld verläuft sich ständig in biografischen Abschweifungen. Erzählende Einsprengsel stellen sich als Einbahnstraßen heraus. Nicht immer ist der Bezug zur Handlung ersichtlich. Oft scheint es kecke Willkür, die vor totaler Linearität schützt.

Zeman schwelgt in ihren Satzgebilden. Sie dreht die Sättigung hoch und übertreibt ständig. Ihre Sprache wird der Maßlosigkeit von Gotthold und Katka gerecht. Die Autorin malt ein abstraktes Gemälde der heutigen Konsumgesellschaft. Allzu detailverliebt schmückt sie die Identitätskrise aus. Die naheliegende Message dahinter: Geld allein macht auch nicht glücklich.

Fantasmusfraktion. Erfinderisch positioniert sich die Autorin auf der Seite der Fabulierer. Sie stellt sich gegen die Selbstbespiegelung der Authentizitätsfiktion und Gegenwartsliteratur-Realos. Damit fällt der Roman gewissermaßen aus dem Rahmen und die Leserschaft muss auf der Hut sein, wenn die schillernde Schilderung um die Ecke biegt und einen auf die Fantasieebene zieht, wo eine flotte Anekdote ein Schnippchen schlägt.

Das Adjektiv »frisch« scheint beinahe wie angeschweißt an die Beschreibung von Debütromanen. Hier passt es gar nicht. Das Buch wirkt atmosphärisch und schwülstig, im schummrigen Licht – das »Lieblingslicht« des Protagonisten. Zeman schreibt artig und anachronistisch. Ihr Stil passt zur Erzählwelt von »Immerjahn« und sie liefert damit ein solides Erstlingswerk, eigen und originell wie seine Figuren. Man darf auf weitere Arbeiten der 37-jährigen Burgenländerin also durchaus gespannt sein.

(erschienen in The Gap, Ausgabe 173)

Immerjahn
Barbara Zeman
Hoffmann & Campe

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s