Was passiert, wenn die U-Bahn kommt

Ausbau. Neue Linien bringen schnelle Fortbewegung und neue Wege, ändern aber auch die Grätzelstruktur.

Donaumarina Gewerkschaftsbund“, verkündet die Stimme aus dem Lautsprecher in der U-Bahn-Station. Dann sieht man schon das Bürohaus Catamaran, in das der ÖGB Anfang 2010 übersiedelte. Ungefähr zu dieser Zeit kamen Parkhaus, Arbö und ein Hofer-Supermarkt in das Grätzel im zweiten Bezirk. Den Impuls gab die verlängerte U2.

Die Station Donaumarina ist eine der sechs neuen Stationen der violetten Linie – nur ein Bruchteil der Arbeiten in 47 Jahren Baugeschichte. Und doch bewegt eine einzige U-Bahn-Station in einem Viertel recht viel. „Für den Bezirk ist es positiv“, meint Peter Prieller, ein geborener Leopoldstädter, über „seine“ U2-Station Donaumarina. Er wohnt sei 54 Jahren am Handelskai und sitzt oft mit seinen Hunden direkt am Ufer. „Es ist schön da in der Natur, und trotzdem bin ich in einer Viertelstunde in der Stadt. Das schaffst du mit dem Auto in hundert Jahren nicht.“ Und: „Für lächerliche vier Kilometer hab ich früher eine Dreiviertelstunde in die Arbeit gebraucht.“ Prieller arbeitet im Nachbarbezirk, wo er mit seinem Parkpickerl nun ohnehin nicht parken darf. Jetzt hat Prieller eine Jahreskarte – und diese Probleme nicht mehr.

Ähnlich sieht das ein Schrebergartenbewohner, der zum Fischen vorbeikommt. Seinen Hauptwohnsitz vom Laaer Berg hat er in die Kleingartensiedlung Grünland verlegt. „Ein Paradies ist das jetzt da. Früher musstest du in den Zehnten fahren zum Einkaufen. Mit der U-Bahn bist du auch schnell überall, zum Beispiel im Winter am Christkindlmarkt.“

Dass viele vom Auto auf die U-Bahn umsteigen, neue Öffi-Nutzer dazukommen und es eine Park-and-Ride-Wirkung gibt, bestätigt die Statistik. „Der Anteil der Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln stieg beispielsweise im 22. Bezirk von 28 auf 34 Prozent“, sagt Reinhold Deussner vom Österreichischen Institut für Raumplanung (ÖIR). „Das bedeutet: 20 Prozent mehr öffentliche Fahrten in nur einem Jahr.“

 

Entwicklung und Erschließung

Geht es um den U-Bahn-Ausbau, unterscheidet man grundsätzlich zwischen zwei Funktionen: der Entwicklung und der Erschließung von Gebieten. Die Verlängerungen der U2 bezwecken beides. „Bei der Seestadt Aspern beispielsweise kommt die Stadtentwicklung großteils erst nach der Infrastruktur“, sagt Gerlinde Gutheil vom Department für Raumplanung an der Technischen Universität Wien. „Früher hat man kritisiert, dass die U-Bahn dort hinfährt, wo noch niemand ist. Allerdings ist die U-Bahn dort, an einem eher peripheren Standort, eine Voraussetzung für dichte Bebauung.“ Doch selbst über die U-Bahn in schon vorhandene Wohngebiete sind nicht alle froh. Mit der U2-Verlängerung wurde nämlich die Straßenbahnlinie 21 eingestellt. Das bringt für einige Bewohner der Ausstellungsstraße Nachteile. Und auch aus der anderen Richtung kommend gebe es Einschränkungen, bekrittelt eine Pensionistin, die auf der gegenüberliegenden Seite des Praters wohnt: „Früher ist der Bus die 300 Meter durch den Prater gefahren. Jetzt fahre ich doppelt so lang, weil er in den dritten Bezirk über die Schlachthausgasse fährt.“ Sie wünscht sich als Ausgleich effizientere Busse.

Schauplatzwechsel zum Hernalser Elterleinplatz. Hier geht es nicht um Entwicklung – der 17. Bezirk ist dort dicht bebaut –, sondern um Erschließung: 2025 soll die neue U5 hierherfahren. Und auch hier gibt es skeptische Stimmen. Vor allem Geschäftskunden bangen um Laufkundschaft. „Wer mit der Straßenbahn hier vorbeigeführt wird, kriegt Gusto hereinzuschauen“, sagt Herr Holub, der ein Fotogeschäft an der Hernalser Hauptstraße betreibt.

„Schon allein die Baustelle ist tödlich für das Geschäft, und wir haben durch die Kurzparkzone schon 15 Prozent Kunden verloren“, stimmt der Betreiber einer Buchhandlung in der Kalvarienberggasse in den Tenor der Kritiker ein.

„Verdrängung ist zu erwarten“, bestätigt Gutheil die Beobachtungen. Andererseits entsteht schon jetzt in vielen leer stehenden Geschäftslokalen des 17. Bezirks auch wieder viel Neues: Im Ab Hof kann man seit April Schinken und Käse aus dem Waldviertel kaufen; wo früher ein zwielichtiges Beisl war, eröffnet die junge Fotografin Ina Aydogan mit anderen Kreativen einen Coworking Space.

 

Immobilienzuwachs

Was sich jedenfalls durch eine U-Bahn immer ändert: der Immobilienpreis. Dabei ist weniger der Zeitpunkt der Stationseröffnung der springende Punkt; allein, dass eine U-Bahn geplant ist, lässt die Preise steigen. Immobilienmakler verzeichnen bereits jetzt deutlich mehr Anfragen und kürzere Verkaufszeiten der Wohnungen im Einzugsbereich. Sonst wird über die U-Bahn am Elterleinplatz noch nicht viel geredet. Dazu wissen die Hernalser zu wenig von den Plänen. Mit Ausnahme der Initiative Österreich Neu (Öneu), die sich für mehr Bürgerbeteiligung einsetzt und Alternativen favorisiert. „Wir sind nicht gegen U-Bahn-Verlängerungen, aber sie kosten sehr viel“, sagt Ulrich Lintl, der sich bei der Initiative engagiert. Öneu plädiert stattdessen für einen Ausbau der S45 zumindest bis zum Praterkai, idealerweise weiter über den Hauptbahnhof zurück nach Hütteldorf. Damit könne man alle U-Bahnen verbinden, den innerstädtischen Verkehr entlasten und Geld sparen, meint Lintl. „Die Gleisanlagen liegen ja schon.“ Mit einer verlängerten S45 wären U6, U2 und der 43er deutlich weniger überfüllt, glauben die Aktivisten.

Was spricht für die U-Bahn? „Sie ist schnell, wenn man größere Distanzen zurücklegt, und hat in Wien das höchste Prestige“, erklärt Gutheil. „Viele eingefleischte Autofahrer setzen sich gerade noch in eine U-Bahn, eher nicht in eine Straßenbahn, und schon gar nicht in einen Bus.“ Wirtschaftlich ist eine U-Bahn allerdings erst, wenn sie circa 25.000 Fahrgäste pro Tag und Fahrtrichtung befördert, hat Reinhold Deussner errechnet. An einem Schultag kommt die U2 schon jetzt auf 50.000 Fahrgäste. Und es werden vor allem durch die neuen Stationen noch mehr werden: Bis 2018 sollen allein im 130 Meter hohen Marinatower 640 Wohnungen zum „Wohlfühlen am Wasser“ entstehen. Das bewirbt ein Plakat am Baustellenzaun.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.09.2016)

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