Universitätsmamsellen

Die königliche Majestät sei gewillt hier eine Universität zu errichten, hieß es am 23. April 1733. Ausführlich und mit historischen Fakten gespickt, rollt Eckart Kleßmann die Anfänge der Universitätsstadt Göttingen auf. Die erste Frau wird allerdings erst im fünften Kapitel erwähnt: Eine Witwe in Klammern – passiver geht’s nicht.

Nur langsam erkämpfen sich Frauen ihren Platz neben den Männern – in der Historie wie in diesem Buch, das von gebildeten Frauen handelt, genauer gesagt von Professorentöchtern, die im 18. und 19. Jahrhundert literarisch-akademisch ihren Weg gingen und ein weibliches Netzwerk zentraler Verbindungspunkte der deutschen Romantik bildeten. Ihre Biografien beginnen bei Männern, den Vätern, und enden bei Männern, nämlich den Ehemännern. Dazwischen wird berichtet, wie sie ihren Charakter entwickeln, wie ihr Umgang ist, wie sie sich bilden oder was sie publizieren und über andere Frauen denken. Caroline Michaelis kreidet ihrer Bekannten an „für ein Frauenzimmer zu viel Muth” zu haben, zu frei zu denken und zu reden und „überhaupt so wenig vom sanften weiblichen Charakter” zu haben.

Außerdem gibt es da die Ausreißerin Meta Wedekind, die selbstbewusste, geschäftstüchtige Poetin Phillippine Gatterer, Dorothea Schlözer, die zur Doktorin der Philosophie promoviert wurde, aber die Auszeichnung nicht in Empfang nehmen konnte, weil Frauen die Universität nicht betreten durften. Oder Therese Heyne, die jung den Weltumsegler Georg Forster heiratete, ihn aber für den Schriftstellers Ludwig-Ferdinand Huber verließ und nach dessen Tod die Redaktion von Cottas „Morgenblatt“ leitete – vermutlich als erste Frau in einem so einflussreichen journalistischen Amt.

Amüsantes der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte bilden die langen Originalzitate, kurios-lustige Briefwechsel und Tagebucheinträge oder der Reisebericht der kleinen Dortgen, gut ab. In Letzterem heißt es: „Unterwegs lehrte mich mein Papa von zwanzig bis dreißig zählen: das können viele große Leute in Amerika nicht“. Aufwerten würde das Buch eine Personenauflistung für den besseren Überblick.

Universitätsmamsellen
Eckart Kleßmann
Die andere Bibliothek
340 Seiten, gebunden
€ 20,-
als Extradruck im März 2017 neu aufgelegt

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