Mülltrennen ist keine Weltverbesserung

Ökologie: Moralkeule oder Mutmacher? Zwei Bücher über umweltbewusstes und müllreduziertes Leben

Wir sind die konsumgesteuerte Wegwerfgesellschaft. Wir sind bequem geworden, bringen Schuhe nicht mehr zum Schuster, kaufen alle paar Monate das neueste Handymodell, lassen uns Pizza liefern und hetzen mit Einwegbechern durch die Stadt. In etwa so lautet die Anklage, und sie kommt natürlich nicht von ungefähr. Sondern eigentlich aus unserem Innersten, dort, wo das schlechte Gewissen sitzt, gleich neben dem Schweinehund. So weit, so allgemein bekannt, so unangenehm.
Dabei geht es nicht nur um all die unnötige Verpackung – eine Person kommt hierzulande jährlich auf 617 Kilogramm Müll –, sondern auch das Drittel aller Lebensmittel, die im Müll landet anstatt auf dem Teller. Dafür kann man nicht ausschließlich Handel und Landwirtschaft verantwortlich machen, Konsumenten sind zum gleichen Teil schuld.

Geht es auch ohne?
„Jede Kaufentscheidung ist wie ein Gang zur Wahlurne“, schreibt Olga Witt in ihrem Buch „Ein Leben ohne Müll“ plakativ. Und meint das nicht nur halbherzig, sondern sehr, sehr ernst. Von einem Tag auf den anderen krempelte der Begriff „Zero Waste“ ihr Leben um. Das klingt so dramatisch, wie sie es auch schildert, aber irgendwie nimmt man ihr das ab. Spontan kündigte sie ihren Job als Architektin (mit Fokus auf energieoptimiertes Bauen natürlich) und flog für ein halbes Jahr nach Südostasien.
Sie glaubte damals die Einzige auf der Welt zu sein, die das Thema interessierte – eine einigermaßen naive Einstellung, die auch das Buch nicht ganz widerlegen kann. Es entstand aus einem Blog, das Witts Selbstversuch protokollierte. Ab Seite 35 geht es ans Eingemachte, einerseits tatsächlich im Sinne von Einkochen, andererseits mit einer Bandbreite an konkreten Einkaufs­tipps, bis ins kleinste Detail ausgetüftelt. Das reicht von ganz kleinen Veränderungen wie dem Vorschlag, einfach wieder Stofftaschentücher zu verwenden, bis zu weitreichenden Maßnahmen wie der Vorschreibung von Trockenseifenspendern in öffentlichen Toiletten und Lokalen.
Olga Witt hält uns den Spiegel vor, aus dem den Leser übertriebene Hygiene, schwindende hauswirtschaftliche Fähigkeiten und der fehlende „gesunde Hausverstand“ angrinsen. Und so ist es hilfreich zu lesen, dass man Kürbiskerne doch einfach trocknen könne, was man mit dem Fenchelgrün anstellen kann und wozu die Schale von Zitronen und Orangen noch alles gut ist. Aus Grünzeugresten – Radieschenblättern, Karottengrün und Rote-Rüben-Blättern – kann man beispielsweise genauso Pesto machen wie aus Wildpflanzen, etwa Löwenzahnblättern, Brennnesseln und Giersch.

Verhaltensmuster auflösen
Nach dem Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ging uns neben dem Gefühl für die Herkunft und Produktion unserer Lebensmittel auch die Vorstellung verloren, wie viel Müll wir produzieren und was damit geschieht. Die Autorin liefert knappe Erklärungen zu einzelnen Rohstoffen und haarsträubenden Inhaltsstoffen von Kosmetika. Sie zerlegt den Müll, die Reinigungsmittel, ja sogar die Sojamilch in ihre Bestandteile und möchte so festgefahrene Alltagsmuster auflösen, die Müllvermeidung fördern.
Ihre Anregungen reichen von Rezepten für selbst hergestellten Tofu und Müsliriegel bis zu Waschmittel und Zahnpulver. Wäscht man allerdings sein Haar mit aufgequollenem Roggenmehl, reinigt man die Kleidung mit Kastanien und stellt man den Seitan selbst her, dann ist das alles sehr zeitaufwendig. Das gibt die Autorin zu. Sie selbst arrangiert quasi ihr ganzes Leben um dieses Thema. Nicht umsonst heißt ein Kapitel ihres Buches theatralisch „Ich und der Rest der Welt“. Vor einem Jahr hat Olga Witt aber gemeinsam mit zwei anderen als logische Folge Kölns ersten „Unverpackt-Shop“ namens „Tante Olga“ eröffnet.
Ihr Buch kitzelt das Bewusstsein zur Abfallvermeidung wach, und man kann sich getrost den einen oder anderen Tipp mitnehmen. Um sein Leben ganz im Sinne der Müllvermeidung umzudrehen, muss man wohl zum Aussteiger und Selbstversorger werden. So ein Lebensstil erfordert viel Kreativität, ist manchmal unverhältnismäßig unpragmatisch, aber inspirierend zugleich. Vor allem zeigt er als extremer Kontrast auf, wie unnötig vieles zum „normalen“ Lifestyle Gehörende eigentlich ist.

Konsum als Beruf?
„Es ist nicht nötig, den nachhaltigen Konsum zum tagesfüllenden Beruf zu machen und bei jeder Entscheidung zu analysieren, was wohl die umweltfreundlichere oder sozialere Alternative wäre“, schreibt hingegen Ulf Schrader, Leiter des Fachgebiets Ökonomie und Nachhaltiger Konsum an der TU Berlin, und regt damit an, die Relationen zu wahren und am Boden der Realität zu bleiben.
Sein Artikel findet sich in dem von Ann-Kristin Mull herausgegebenen Band „Ist öko immer gut? Was Welt und Klima wirklich hilft“, ebenfalls bei Tectum erschienen, den man als theoretischen Unterbau zu Witts praktischen Tipps lesen kann. „Hilft Mülltrennen oder wird alles anschließend ohnehin zusammengeschüttet und verbrannt?“, fragt Kristin Mull. Sie hat ein halbes Jahr lang Expertenstimmen gesammelt und füttert die Leserschaft mit gebündelten Fakten, aber auch vielen Binsenweisheiten.
Ein Kilo Rindfleisch verursacht mehr als 80-mal so viele klimaschädliche Treibhausgase wie ein Kilo Gemüse und verbraucht auch – vor allem für den Anbau von Futtermitteln – mehr als 100-mal so viel Fläche. Ein E-Book-Reader ist schon ab zehn E-Books ökologischer als gedruckte Bücher. Die beiden Tectum-Bücher sind übrigens konsequenterweise nach dem Cradle-to-­Cradle-Prinzip auf umweltfreundlichem Papier, mit mineralölfreien Druckfarben und klimaneutral hergestellt.
Die strategisch wichtigste Konsumentscheidung sei die Wahl der Wohnsituation, also Überlegungen zur Energieeffizienz, dem Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr oder die Nähe zu unserer Arbeitsstelle, meint Ulf Schrader. Worauf man schaut, wenn man „wirklich guten Ökostrom“ kaufen will, erläutert sein Kollege Christoph Timpe. Auch vertreten ist Andreas Fath, jener Leistungsschwimmer, der durch seine Schwimmtour im Rhein auf die Schadstoffbelastung des Wassers hinweisen wollte. Hauptberuflich ist er Professor an der Fakultät Medical and Life Sciences in Furthwangen.
Er meint, dass die Nordsee vielleicht irgendwann nicht mehr salzig sein werde aufgrund der vielen synthetischen Süßstoffe in unseren Light-Getränken, und weist darauf hin, dass sich Röntgenkontrastmittel, Antibiotika und Betablocker ebenso im Rhein finden wie das Climbazol aus unseren Anti-Schuppen-Shampoos.

Alltagsentscheidungen
Darüber hinaus geht es um Geldanlage in Ethik- und Nachhaltigkeitsbanken, das Vertrauen in Hilfsorganisationen und Fragen wie jene, ob es besser ist, Haushaltsgeräte lange zu nutzen oder lieber durch neue, energiesparende Geräte zu ersetzen.
Die Idee hinter den Interviews: Die Mühlen der Politik mahlen langsam. Beginnen wir selbst schon einmal und erkennen wir, dass unsere Alltagsentscheidungen auch mächtig sein können! Man erwartet als Resultat einen Leitfaden für angehende Weltverbesserer, aber dass Mull so breit angelegt fragt, führt oft zu wenig konkreten Antworten. Mit eingegrenzteren Themen wäre sie wahrscheinlich zu praxistauglicheren Ergebnissen gekommen.
Interessant wäre etwa gewesen, wenn die Befragten erzählt hätten, welches Auto sie selbst fahren, welche Heizmethode sie bevorzugen, wo sie ihre Hose gekauft haben und was ihr Lieblingsrezept mit saisonalen Wintergemüsen ist. Apropos Gemüse: Wirklich sinnvoll ist der Kalender zu saisonalem Obst und Gemüse im Anhang des Bandes. Zudem gibt es eine Übersicht einiger zertifizierter Hilfsorganisationen und Siegel. Idealerweise wäre diese Auflistung noch mit österreichischen Organisationen ergänzt.
„Bürger und Verbraucher wissen schon sehr gut, was gut für Mensch und Umwelt ist. Am Wissen hakt es nicht“, sagt Mulls erster Interviewpartner, Rainer Grießhammer, Experte für nachhaltigen Konsum beim Öko-Institut. „Das Problem ist die große Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Verhalten.“

Die 80/20-Regel
Am ehesten gebe es Unsicherheiten darüber, was viel und was wenig bringe. Viele würden sich schon als große Umweltschützer fühlen, wenn sie den Müll richtig trennen. Wie lautet also das Fazit nach dieser Doppellektüre mit geschwungener Moralkeule? Zum Beispiel könnte man sich wie Ulf Schrader an die 80/20-Regel halten: Lieber schnell und leicht mit 20 Prozent Aufwand zu 80 Prozent nachhaltig leben und damit auch andere motivieren, als das 100-Prozent-Ziel trotz Riesenaufwand nie zu erreichen.
Aber auf 20 Prozent muss man erst einmal kommen! Mülltrennen alleine tut’s wie gesagt nicht. Anregung für die fehlenden Prozente gibt es in beiden Büchern allerdings genügend.

(erschienen im FALTER Bücherfrühling 11/17)

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