Reinen Wein einschenken

Das Label „Nachhaltig Austria“ soll die Exportchancen österreichischen Weins erhöhen. Die Kriterien sind dabei eher zweitrangig. Das stiftet Verwirrung und verwässert den Begriff Nachhaltigkeit. 

Jeder kann Wein machen, wie er und sie es für richtig empfindet. Mit eingegrabenen Kuhhörnern, mit Baldriantropfen, mit Orangenöl oder Brennesseltee oder als Monokultur ohne Pflanzenvielfalt in den Gassen mit gelbrandigen Glyphosat-Streifen auf denen höchstens nur noch Moos wächst. Dass der Wein nachhaltig produziert wurde, kann man am Ende fast immer drauf schreiben.

Dem durchschnittlichen Wein- und Obstgenießer sind die unterschiedlichen Umstände in Produktion und die vielfältige Ausformungen der Bewirtschaftung wahrscheinlich nicht bewusst. Man muss sich oft auf die Kennzeichnung verlassen. Und da sind wir auch schon mitten im Thema:

Was mir, jetzt nicht mal als Liebhaberin des biologischen Weinbaus, sondern einfach als bewusste Konsumentin gegen den Strich geht, sind Kennzeichnungen, die mehr verwirren, täuschen und tarnen, anstatt zu informieren.

Die Fachzeitschrift Der Winzer schreibt über vermehrte Exportchancen in skandinavischen Ländern. Österreichische Winzer seien auf die dortige Nachfrage nach Bio-Weinen und „Ethically certified wines“ bestens für diesen Trend (sic!) gerüstet. Schließlich hat man nun – als gäbe es nicht schon Siegel, Zertifikate und Qualitätsbezeichnungen genug – dieses neue Siegel geschaffen, das glaubwürdig vermitteln soll: bio, sustainable,… Ich frage mich: Wofür gibt es ein EU-weites Bio-Siegel?

Gut gemeint, stößt auch sauer auf

Wenn “Nachhaltig Austria” zukünftig die Weinflaschen schmückt, suggeriert es meiner Meinung nach oft Falsches. Das Zertifikat läuft Gefahr, den Begriff der Nachhaltigkeit, sowie den Wert der Eigenverantwortung einmal mehr durch den Dreck zu ziehen. Nachhaltigkeit ist leider längst eine ausgelutschte Worthülle geworden und wird es noch mehr, wenn Nicht-Biowinzer sich diesen Wert jetzt auf das Etikett schreiben. Oder würden Sie im selbstbezeichneten nachhaltigen Weinbau chemisch-künstliche Pestizide, Herbizide und Fungizide erwarten?

Nachhaltig! – Ist das Glyphosat, das nachhaltig die Nahrung der Mikroorganismen abtötet und damit ebenso nachhaltig die Fruchtbarkeit senkt, auch mitgemeint?  Geht es nach der Zertifizierung: Ja. Die Verwendung wird nicht ausgeschlossen. Das künstlich-chemische Herbizid wird nachhaltig bei der Aufnahme im Körper gespeichert und belastet durch den Kontakt beim Ausbringen zusätzlich den Arbeiter im Weingarten. Ein konventioneller Bauer, der es verwendet, kann hier dennoch auf sein Produkt das Nachhaltigkeits-Siegel kleben, und es nach Lust und Laune (natürlich im gesetzlichen Rahmen für konventionelle Landwirtschaft) weiterversprühen. Glyphosat ist nur ein Beispiel, man könnte die Liste weiter durchgehen vom Bodenherbizid Katana bis Kabuki, ein chemisches Mittel, das die manuelle  – ziemlich mühsame, aber lohnende – Arbeit des Stammputzens erspart.

Wahrscheinlich steckt keine böse Absicht dahinter. Dass so viele Weinbauern wie möglich Nachhaltigkeit als Wert mitdenken und in ihre Arbeit einfließen lassen, ist ein positiver zukunftsweisender Gedanke. Und auch das Konzept zum Zertifikat klingt ziemlich einleuchtend:

„Nachhaltigkeit als Notwendigkeit im heimischen Weinbau: Der Weinbau ist aufgrund der eingesetzten Pflanzenschutzmittel und Dünger sowie aufgrund des Energie- und Wasseraufwandes sowie Transportes eine sehr intensive Form der Landwirtschaft. Zudem reagiert der Weinbau sensibel auf veränderte Wetterverhältnisse, wie lange Dürre- oder Regenperioden, die durch den Klimawandel verstärkt werden. Daher stellen sich Fragen wie „Wie kann sich der Weinbau an veränderte Klimabedingungen anpassen?“ oder „Wie sieht nachhaltiger Weinbau aus, der sowohl ökologischen als auch sozial und ökonomischen qualitativ-hochwertigen Wein produziert? Welche Maßnahmen sind dafür notwendig?“

Ist Nachhaltigkeit messbar?

Eine Vielfalt an Parametern macht Nachhaltigkeit zumindest annähernd messbar, aber dieser Wert ist ein relativer. Ein Biobauer mag irgendwo vielleicht einen höheren Wasserverbrauch haben oder einmal mehr mit dem Traktor durch den Garten fahren, weil er mechanisch löst, wofür andere künstlich-chemische Spritzmittel verwenden. Damit sinkt theoretisch, nämlich laut dem Nachhaltigkeits-Siegel, seine Nachhaltigkeit.

Langfristig gedacht

Das Siegel bezieht Wirtschaftlichkeit stark in die Berechnung der Nachhaltigkeit ein. Leider ist dafür aber ein viel zu kurzer Berechnungszeitraum bemessen worden. In den ersten Jahren der Umstellung zum Bioweingut kann man sicher noch nicht profitabel wirtschaften. Doch der Aufbau der Bodenfruchtbarkeit nach zehn Jahren harter ökologischer Arbeit und schweren Entscheidungen, steigert den Ertrag und macht biologische Bewirtschaftung mit Sicherheit nachhaltiger als das kurzgedachte Festklammern am Nachhaltigkeitssiegel. Eine jüngst erschienene Studie besagt im Übrigen ohnehin, dass biologische Landwirtschaft profitabler ist als gedacht:

Für mich ist Nachhaltigkeit eine Geisteshaltung, eine Denkart. Jemand der noch immer Profit und Masse als oberste Priorität sieht, jemand, der um Schädlinge zu bekämpfen, Nützlinge gleich mitvernichtet und den Boden zerstört, der kann nur bedingt nachhaltig handeln. Ähnliches gilt übrigens natürlich auch für die Bio-Schiene: Bio, das über viele Umwege und Landesgrenzen in den Supermarkt kommt, ist weniger nachhaltig als regionales, saisonales Bio im ab Hof-Verkauf. Soweit ist das dem bewussten Konsumenten aber hoffentlich klar.

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